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Es werden Posts vom November, 2018 angezeigt.

Opernkritik: „Die Sache Makropulos“ (Věc Makropulos) von Leoš Janáček – Deutsche Oper Berlin – 2018

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In zwei Welten – „Die Sache Makropulos“ (Věc Makropulos) von Leoš Janáček an der Deutschen Oper Berlin – von Klaus J. Loderer 
In zwei Welten bewegt sich Emilia Marty in der kurzweiligen und packenden Inszenierung von David Hermann an der Deutschen Oper in Berlin, die man zu einer letzten Vorstellungsfolge noch einmal aufgenommen hat. Die geheimnisvolle Operndiva, die eigentlich Elina Makropulos heißt und immer mal wieder den Namen wechselt, schleppt hier ihre ganzen früheren Daseinsformen mit sich. Sechs Statistinnen in historisch wirkenden Gewändern verdeutlichen das 300jährige Leben von E. M. (wir erkennen die markanten roten Haare) und heben das Stück auf eine surreale Ebene. Da die Sängerin Ellian MacGrecor in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt, sehen wir sie gleich in der ersten Szene als historisches Alter Ego von Emilia Marty.
Christoph Hetzer (von dem auch die Kostüme sind) zeigt uns in seinem Bühnenbild gleichsam zwei Zeitstufen. Mit Bauhausmöbeln und kühl modern weiß d…

Premierenkritik: Quirlige Operette „Märchen im Grand-Hotel“ von Paul Abraham – Staatstheater Mainz – 2018

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Der Kellner ist kein Kellner und die Zofe ist keine Zofe, aber die Infantin ist eine Infantin – Staatstheater Mainz bringt Paul Abrahams vergessene Operette „Märchen im Grand Hotel“ als deutsche Erstaufführung auf die Bühne – von Klaus J. Loderer 
Das Staatstheater Mainz etabliert sich gerade als deutsches Erstaufführungstheater. Nach der deutschen Erstaufführung der sehr ernsthaften Oper „Antikrist“ nun ein interessantes Werk der Operette. Inzwischen kann man schon von einer Paul-Abraham-Renaissance sprechen. Paul Abrahams „Märchen im Grand-Hotel“ wurde zwar 1934 mehr als zwei Monate erfolgreich in Wien gespielt, kam aber durch die politischen Umstände nicht nach Deutschland und war dann erst einmal vergessen. 2017 grub die Komische Oper Berlin die Operette zu einer konzertanten Produktion aus. Doch nun ist „Märchen im Grand-Hotel“ erstmals szenisch auf einer Bühne in Deutschland zu sehen. Und man muss sagen: dem Staatstheater Mainz ist diese Aufführung gut gelungen. Quirlig und kurzw…

Premierenkritik: Engelbert Humperdincks selten gespielte Oper „Königskinder“ – Musiktheater im Revier Gelsenkirchen – 2018

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Ohne Königswagen erkennt der Spießer den König nicht – Regisseur Tobias Ribitzki inszeniert Engelbert Humperdincks Opernrarität „Königskinder“ am Musiktheater im Revier als Sozialdrama – von Klaus J. Loderer 
Nicht als Märchen sondern als hartes Sozialdrama in einer unerbittlichen Gesellschaft sieht Regisseur Tobias Ribitzki Engelbert Humperdincks Oper „Königskinder“. Enstprechend holt Kathrin-Susann Brose (Bühne und Kostüme) die Handlung mit einem kühlen Bühnenbild und heutigen Kostümen in die Gegenwart. Diese Ästhetik straft das Premierenpublikum im Musiktheater im Revier (MiR) in Gelsenkirche allerdings mit Buhs für das Produktionsteam ab, das sich auch nur einmal auf die Bühne traut. Positiv nimmt das Publikum die musikalische Seite auf. Gesangssolisten, Chor, Kinderchor und Orchester erhalten Zuspruch. Dabei halte ich die sängerischen Leistungen nicht für durchweg lobenswert. Über alle Kritik erhaben ist Petro Ostapenko als Spielmann. Sein warmer Bariton erfreut. Schön laufen bei …

Opernkritik: René Jacobs rekonstruiert Händels „Teseo“ im Theater an der Wien – 2018

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Riesenhände greifen nach Agilea – René Jacobs rekonstruiert Händels Theseus-Oper „Teseo“ im Theater an der Wien – von Klaus J. Loderer 
Bei Theseus denkt der Philologe an den antiken Helden, der den Minotauros bekämpft, der Opernfreund an Ariadne, deren roter Faden ihm durch das Labyrinth hilft und die er schließlich auf der Insel Naxos absetzt, der Theaterfreund an seine Frau Phädra, die mit falscher Beschuldigung dafür sorgt, dass er seinen Sohn zu Tode bringt. Der Kunstfreund hat die Skulptur Canovas vor Augen, wie Theseus den Kentaur erschlägt. Um diese Stoffe geht es in Händels Oper „Teseo“ allerdings nicht. Im Mythos hat Theseus ja auch eine etwas komplizierte Herkunft. Jedenfalls kennt der Vater, König Aigeus (Egeo) von Athen, seinen Sohn nicht. In der Oper, für deren Libretto Nicolo Francesco Haym den Text von Philippe Quinaults zur Lully-Oper „Thésée“ aus dem Französischen ins Italienische übertrug, ist das dramaturgisch so zugespitzt, dass Theseus dem König bei einer Bedrohun…

Buchbesprechung: Oper und Konzerthaus in Qingdao der Architekten von Gerkan, Marg und Partner

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Ein weißes „Wolkendach“ überspannt das Grand Theater Qingdao – Buch über das große Theater mit Oper und Konzerthaus in Qingdao in China der deutschen Architekten von Gerkan, Marg und Partner – von Klaus J. Loderer
Qingdao ist eine Stadt in China, ungefähr in der Mitte zwischen Peking und Shanghai gelegen. Mit mehr als acht Millionen auch nicht klein. Sie liegt am Gelben Meer, im Hintergrund überragt vom Laoshan-Gebirge. Zwischen 2005 und 2010 ist dort ein kultureller Komplex entstanden mit Opernhaus, Konzertsaal, Mehrzwecksaal, Hotel und Musikinstrumentenmuseum. Das Hamburger Architekturbüro gmp (von Gerkan, Marg und Partner) führte nach dem ersten Preis beim Wettbewerb 2004 den Bau aus. Der Entwurf, den Meinhard von Gerkan mit Stephan Schütz und Nicolas Pomränke erarbeiteten, verfolgt die Idee eines über dem Komplex schwebenden weißen „Wolkendachs“, das mit riesigen Lamellen den gesamten Komplex überspannt. Immerhin sind die Lamellen bis zu sechs Meter hoch und die Spannweite des Dach…

Opernkritik: Donizettis „L’elisir d’amore“ (Liebestrank) – Musiktheater im Revier Gelsenkirchen – 2018

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Gleich neun Belcores umgarnen Adina – Witzig mit Hintersinn: Donzettis „Liebestrank“ am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen – von Klaus J. Loderer
Warum darf man nicht am Seil ziehen, das von der Decke hängt? Sehr ist man darauf bedacht, dass niemand am Seil zieht. Es scheint eine introvertierte Gesellschaft zu sein. Ein Pianist versucht immer wieder verzweifelt, mit einem Luftballon Botschaften zu verschicken. Doch platzt der Ballon immer irgendwo in der Höhe. Es scheint ein Tanzmarathon stattzufinden. Vier Tanzpaare ziehen das auch durch und lassen sich von der Opernhandlung nicht beirren. Auch wenn man viele Dinge nicht errät in dieser bunten Inszenierung, die mit vielen Pointen bestückt ist, man amüsiert sich köstlich in der Inszenierung von Hauschef Michael Schulz von Donizettis „L’elisir d’amore“ am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Die Bühne von Dirk Becker ist gleichsam innen und außen: sie zeigt einen geschlossenen Raum, doch steht auch ein Stromleitungsmast darin a…

Opernrarität: Händels „Berenice, regina d’Egitto“ – Oper Halle – 2018

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Welch schöne Selfies hätte die Barockdame gemacht – Jochen Biganzoli treibt in seiner Inszenierung von Händels „Berenice, regina d’Egitto“ in Halle Selfies und moderne Medien auf die Spitze und Soprano Samuel Mariño überrascht – von Klaus J. Loderer
Nun haben meine liebe Händelopernfreundin Sabine und ich völlig vergessen, beim Besuch von Händels Berenice in Halle an der Saale ein Selfie zu machen. Man wäre beim Schlussapplaus auf die Bühne gestürzt und hätte das Selfie dann gleich zusammen mit den Sängern gemacht. Das Publikum hätte das als Teil der Inszenierung gewertet, denn auch die Sänger fotografierten sich einzeln oder zusammen am Schluss schnell noch mit ihren Telefonen. Und ganz zum Schluss machte dann sogar noch Dirigent Jörg Halubek ein Erinnerungsfoto.
Regisseur Jochen Biganzoli treibt in seiner Inszenierung von Händels 1737 uraufgeführter Oper „Berenice, regina d’Egitto“ – mit der nun übrigens alle 42 Opern Händels mindestens einmal bei den Händelfestspielen in Halle aufgef…

„Kathedralen bauen – die Dome von Pisa, Piacenza und Siena“, Vortrag von Bruno Klein in Stuttgart

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Wie wirken Großbauten auf die Gesellschaft – „Kathedralen bauen – die Dome von Pisa, Piacenza und Siena“, Vortrag von Prof. Dr. Bruno Klein in der Reihe „Ifag um sieben“ in Stuttgart – von Klaus J. Loderer
In seinem interessanten Vortrag in der vom Institut für Architekturgeschichte der Universität Stuttgart veranstalteten Reihe „IFAG um sieben“, die in diesem Semester unter dem Motto „Achtung Baustelle“ steht, warf der Kunsthistoriker Bruno Klein, Professor für christliche Kunst der Spätantike und des Mittelalters an der Technischen Universität Dresden, die Frage auf, inwieweit große Bauprojekte nicht nur passiv von Menschen errichtet werden sondern auch eine aktive Rolle in der jeweiligen Gesellschaft spielen können. Die Dombauten in Pisa und Piacenza wertete er als Beispiele, wie Stadtgesellschaften durch die sich über längere Zeit hinziehenden Bauwesen zusammengeschweißt werden können. Im Dom zu Siena, vor allem im nicht vollendeten Duomo Nuovo, sieht Klein allerdings ein Beispiel,…

Konzert: „Very British“ mit Waltons „Belshazzar’s Feast“ – Berliner Dom – 2018

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Thomas Berau singt „Mystical Songs“ – Konzert „Very British“ der Berliner Domkantorei im Berliner Dom mit Waltons „Belshazzar’s Feast“ – von Klaus J. Loderer
Die Festlichkeit hat sich in der englischen Musik bis heute gehalten. Das liegt wohl daran, dass die Spätromantik sich in England bis weit in das 20. Jahrhundert hineinzieht. Dieses Phänomen findet man sowohl in der geistlichen Musik wie in der Filmmusik. Ein Beispiel, das beide Bereiche miteinander verbindet, ist die Musik zu Kenneth Brannaghs Film „Henry V“. Im Film unterlegt dieses Musikstück das Ende einer Schlacht. Beim Konzert „Very British“ der Berliner Domkantorei war es als effektvolles Einstiegsstück zu hören. Der 1953 geborene schottische Komponist Patrick Doyles hat die Musik zu zahlreichen Filmen Brannaghs komponiert. Für „Non nobis domine“ erhielt er übrigens 1989 den Ivor Novello Award für die beste Filmmusik.
Dem Chor- und Orchesterstück „Non nobis domine“, basierend auf dem Psalm 115,1 (Nicht uns, o Herr, sondern D…

Buchbesprechung: „Seltsam, abenteuerlich und unbeschreiblich verschwenderisch" – Aufsatzband über den Beginn der Neugotik

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Warum baut man im 18. Jahrhundert plötzlich wieder gotisch? – Ein Aufsatzband über den Beginn der Neugotik um 1800 in England, Potsdam, Weimar und Dessau-Wörlitz – von Klaus J. Loderer
„Seltsam, abenteuerlich und unbeschreiblich verschwenderisch“ fand August von Rode das 1773 bis 1774 errichtete Gotische Haus im Wörlitzer Park. Man merkt seinen Führern durch den Wörlitzer Park an, dass er dieser Architektur zuerst einmal nichts abgewinnen konnte. Erst 1818 verfasste er eine eigenständige Beschreibung: „Das gothische Haus zu Wörlitz“. Wie man das Aufkommen neogotischer Gebäude in Deutschland aufnahm aber auch, welchen Eindruck die Bauherren mit neugotischen Gebäuden erzielen wollten, mit solchen Fragen befasste sich eine Tagung in Wörlitz, deren Ergebnisse später als Tagungsband veröffentlicht wurden. Veranstalter war 2012 die Dessau-Wörlitz-Kommission der Martin-Luther-Universität in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz und der Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlit…