Premierenkritik: Quirlige Operette „Märchen im Grand-Hotel“ von Paul Abraham – Staatstheater Mainz – 2018

Der Kellner ist kein Kellner und die Zofe ist keine Zofe, aber die Infantin ist eine Infantin 

– Staatstheater Mainz bringt Paul Abrahams vergessene Operette „Märchen im Grand Hotel“ als deutsche Erstaufführung auf die Bühne – 

von Klaus J. Loderer 

Das Staatstheater Mainz etabliert sich gerade als deutsches Erstaufführungstheater. Nach der deutschen Erstaufführung der sehr ernsthaften Oper „Antikrist“ nun ein interessantes Werk der Operette. Inzwischen kann man schon von einer Paul-Abraham-Renaissance sprechen. Paul Abrahams „Märchen im Grand-Hotel“ wurde zwar 1934 mehr als zwei Monate erfolgreich in Wien gespielt, kam aber durch die politischen Umstände nicht nach Deutschland und war dann erst einmal vergessen. 2017 grub die Komische Oper Berlin die Operette zu einer konzertanten Produktion aus. Doch nun ist „Märchen im Grand-Hotel“ erstmals szenisch auf einer Bühne in Deutschland zu sehen. Und man muss sagen: dem Staatstheater Mainz ist diese Aufführung gut gelungen. Quirlig und kurzweilig mit viel Pepp wirbelt man da bei flotter Musik urkomisch über die Bühne. Dabei habe in letzter Minute gedroht, dass diese deutsche Erstaufführung platzt, berichtet Intendant Markus Müller vor der Premiere und machte es spannend. Schauspielerin Anika Baumann habe sich bei einer Probe verletzt, die Generalprobe habe man notdürftig umarrangiert, doch springe sie nun wieder ein. Man möge die Krücken entschuldigen. Doch sorgen diese ebenso wie ihr professioneller Umgang mit dem Humpeln für weitere Lacher in ihren Rollen als sowieso schon kuriose Gräfin und als Kulissenschieberin. Und für die akrobatischen Szenen springt Regieassistentin Jasmin Clemens ein. Die Regisseure Peter Jordan und Leonhard Koppelmann präsentieren das „Märchen im Grand-Hotel“ mit viel Witz im Ambiente der Zwischenkriegszeit. Für den Humor sorgen etwa die beiden Filmassistenten mit viel Slapstick, wie man sie aus den Filmen von damals kennt. Das Vorbild von Laurel und Hardy ist unverkennbar.

„Märchen im Grand-Hotel“ am Staatstheater Mainz: oben das Gesangsquartett mit Jennifer Panara (Infantin), unten Johannes Mayer (Erzherzog), Anika Baumann (Gräfin) und Lorenz Klee (Großfürst)
Foto: Andreas Etter

Um einen Film geht es im „Märchen im Grand-Hotel“. Im Staatstheater Mainz sehen wir schon während des Vorspiels im Hintergrund einen Filmvorpann mit der Vorstellung der Darsteller. Wir erleben im Büro von Filmstudioboss Sam Makintosh die verzweifelte Suche nach einem Sujet für einen neuen Film. Seine Tochter Marylou hat die Idee, man könnte doch einen Film über Adelige mit echten Adeligen drehen. Deshalb reist sie sofort nach Cannes. Wir sehen das im Zwischenspiel mit Bildern des Reiseverlaufs im Hintergrund. Stefan Bischoff hat die ganze Produktion mit Videos versorgt. Die spielen sogar eine sehr große Rolle, denn das Bühnenbild besteht vordergründig aus Flächen, auf die man projezieren kann. So ist das Bombastbüro des Filmchefs mit riesigen Oscar-Figuren ebenso Projektion wie die Reise über den Atlantik, bei der das Schiff durch Werbeplakate fährt. Mit schnell verschiebbaren „Großmöbeln“ wie einer repräsentativen Treppe oder einer Sofaecke hat Bühnenbildner Christoph Schubiger das Bühnenbild ergänzt. Das ist eine schöne Idee und ermöglicht schnelle Szenenwechsel, zumal erinnert es an Kulissenwechsel im Filmset. Als Hotelhalle sehen wir im Hintergrund dann den schönen Lichthof des 1913 eröffneten Görlitzer Warenhausen, der auch im Film „Grand Budapest Hotel“ die Kulisse bildet. Aus dem Film zitieren die Regisseure überhaupt gelegentlich.

„Märchen im Grand-Hotel“ am Staatstheater Mainz: 
Jennifer Panara (Infantin), Michael Dahmen (Albert) 
und Nini Stadlmann (die als Zofe verkleidete Marylou)
Foto: Andreas Etter
Im Grand-Hotel versucht Marylou, als die Nini Stadlmann über die Bühne wirbelt, tanzt und singt, sich an die High Society anzuschleichen. Immer im Schlepptau ist ihr Kameramann, wunderbar neurotisch gespielt von Henner Momann. So blasiert wie möglich lässt sich die Adelsgesellschaft auf dem Sofa auf die Bühne schieben. Kostümebildnerin Barbara Aigner hat sie in geradezu grotesker Weise antiquiert aber sehr dekorativ eingekleidet. Ranghöchste ist die Infantin Isabella von Spanien. Jennifer Panara gestaltet diese Rolle mit Grandezza und singt mit wundderbarem Sopran. Um sie scharwenzelt ihr Verlobter Erzherzog Andreas Stephan von Österreich herum, entsetzlich arrogant-wienerisch-deppert Johannes Mayer und ausstaffiert wie einer Nestroy-Posse entsprungen. Mit dabei Hofdame Gräfin Pepita Inez de Ramirez – Anika Baumann als köstliche Parodie einer spanischen Adeligen, mit stark spanischem Akzent und heißblütig alle Männer flachlegend. Und um den Reigen von Adeligen aus abgeschafften Monarchien zu vervollständigen Großfürst Paul aus Russland, witzig Lorenz Klee. Wenn er nicht gerade Kulissen rein- oder rausschiebt und als Kameramann herumwuselt, muss Henner Momann auch noch den altersschwachen Baron Lossas spielen, den Obersthofmarschall der Infantin, der ununterbrochen von vergangenen Schlachten erzählt, dem Kostüm nach gewissermaßen seit Philipp II. in Diensten des Königshauses. Die Zofe Carmen ist nur im Film, genauer gesagt in einer Orgie, zu sehen. Da Gefahr droht, sie könnte dem neuen Diener der Prinzessin den Hof machen, muss eine Zofe her, die nicht flirtet. Warum soll die Zofe nicht mit dem neuen Diener flirten? Ganz einfach, die Infantin findet ihn irgendwie interessant. Und genau wegen dieser Entwicklung möchte Marylou das genauer beobachten – und filmen. Da sie allerdings nicht zur Audienz vorgelassen wird, schlägt sie ihre Zofe Mabel, herrlich trocken gespielt von Henner Momann, vor. Marylou selbst ist es aber, die sich als Zofe bei der Infantin einschleicht. Diener Albert (hundetreu und mit warmem Bariton Michael Dahmen) und bislang ungeschickter Kellner im Grand-Hotel ist bis über beide Ohren in die Infantin verliebt. Er ist natürlich kein echter Kellner, sondern soll die Hotellerie kennenlernen, denn sein Vater (Murat Yeginer liefert mit Jennifer Panara ein schönes Duett) ist der Eigentümer des Hotels. Das weiß aber nicht einmal Hoteldirektor Matard, herrlich nach oben devot nach unten austeilend Daniel Friedl. Also alles sehr verwickelt. Prinz Andreas verliebt sich dann noch in Marylou. Herrlich die Szene im Badezimmer, wenn die Gags auch etwas überreizt werden.

Abrahams bewährte Textschreiber Alred Grünwald und Fritz Löhner-Beda übernahmen für die Operette das 1924 im Théâtre de l’Avenue in Paris uraufgeführten Theaterstück „La Grande Duchesse et le garçon d'étage“, wobei sie die Handlung von Paris nach Cannes verlegten. Dessen Autor Alfred Savoir, der 1883 in Łódź als Alfred Poznański geboren wurde, war durch seine Komödien bekannt. 1926 kam das Theaterstück als Paramount-Stummfilm „The Grand Duchesse and the Waiter“mit Adolphe Menjou heraus. In den deutschen Kino war der Film als „Die Großfürstin und der Kellner“ zu sehen. Übrigens scheint der Film einen erotischen  Roman inspiriert zu haben: von einer Hertha Domina erschien 1930 „Die Großfürstin und ihr Kellner: Masochist“. Von diesem sprechenden Pseudonym gibt es auch noch „Der Mann aus dem Bordell“ (1927).

Noch im Dezember 1932 hatte in Berlin als großer Erfolg „Ball im Savoy“ seine Uraufführung. 1933 floh Abraham nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler und der Absetzung seiner Stücke aus Deutschland. Am 25. Dezember 1933 hatte „Ball im Savoy“ in Wien Premiere. Doch Abraham war schon am nächsten Stück. Am 29. März 1934 fand die Uraufführung von „Märchen im Grand-Hotel“ als Produktion des Theaters in der Josefstadt im Theater an der Wien statt. Die Handlung von „Märchen im Grand-Hotel“ scheint dann wiederum die österreichisch-ungarische Verfilmung von „Ball im Savoy“ von 1935 beeinflusst zu haben. Drehbuchautor Géza von Cziffra verlegte diese Operette kurzerhand komplett in das Grand-Hotel Savoy und baute die Geschichte eines tollpatschig einen Kellner spielenden Barons ein.

Wie „Märchen im Grand-Hotel“ ausgeht? Überraschend natürlich. Nur so viel sei verraten, dass Isabella, gekleidet wie die Columbia-Vorspann-Muse, in das Büro von Sam Makintosh, der übrigens auch von Murat Yeginer gespielt wird, hineinschneit. Da wird dann noch einmal quer durch die Filmgeschichte persifliert.

Als Basis der Aufführung dient die bühnenpraktische Rekonstruktion der Musik von Henning Hagedron und Matthias Grimminger. Daraus zaubert Samuel Hogarth mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz einen schwungvollen Operettenklang, Wiener Schmelz gepaart mit jazzigen Elementen. Für Jazz-Klänge sorgte vor allem das Jazz-Trio aus Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. Bridget Petzold hat sich dazu effektvollen Choreographien ausgedacht.

Eine musikalische Besonderheit ist das Gesangsquartett Augustin Sánchez Arellano, Reiner Weimerich, Dennis Sörös und Doğuş Güney, das, in ungewöhnlich großem Umfang eingesetzt, mit seinen Vokalisen die Musik bereichert und als eine Art Comedian Harmonists immer wirkungsvoll auf der Treppe hereinfährt.

Besuchte Vorstellung: Premiere 25. November 2018
Staatstheater Mainz, Großes Haus

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