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Buchbesprechung: „Seltsam, abenteuerlich und unbeschreiblich verschwenderisch" – Aufsatzband über den Beginn der Neugotik

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Warum baut man im 18. Jahrhundert plötzlich wieder gotisch? – Ein Aufsatzband über den Beginn der Neugotik um 1800 in England, Potsdam, Weimar und Dessau-Wörlitz – von Klaus J. Loderer
„Seltsam, abenteuerlich und unbeschreiblich verschwenderisch“ fand August von Rode das 1773 bis 1774 errichtete Gotische Haus im Wörlitzer Park. Man merkt seinen Führern durch den Wörlitzer Park an, dass er dieser Architektur zuerst einmal nichts abgewinnen konnte. Erst 1818 verfasste er eine eigenständige Beschreibung: „Das gothische Haus zu Wörlitz“. Wie man das Aufkommen neogotischer Gebäude in Deutschland aufnahm aber auch, welchen Eindruck die Bauherren mit neugotischen Gebäuden erzielen wollten, mit solchen Fragen befasste sich eine Tagung in Wörlitz, deren Ergebnisse später als Tagungsband veröffentlicht wurden. Veranstalter war 2012 die Dessau-Wörlitz-Kommission der Martin-Luther-Universität in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung Dessau-Wörlitz und der Gesellschaft der Freunde des Dessau-Wörlit…

Filmkritik: „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ – Zickenkrieg am Hof von Queen Anne

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Olivia Colman brilliert als Queen Anne – Yorgos Lanthimos‘ Historienfilm „The Favourite – Intrigen und Irrsinn“ spielt am englischen Königshof  – von Klaus J. Loderer
Das riesige Herrenhaus Hatfield House in der Grafschaft Hertfordshire stellt im Film „The Favourite“ mit seinen weitläufigen Räumen den Rahmen für eine königliche Residenz, genauer gesagt für die Hofhaltung der englischen Königin Anne. Unendlich lang scheint die Long Gallery im Film, zumal Regisseur Yorgos Lanthimos mit dem Einsatz des Fischaugenobjektivs den Raum nicht nur optisch verlängert sondern sogar noch krümmt. Diesen Effekt setzt er im Film mehrmals ein. Die Hofgesellschaft erscheint dadurch noch saturierter als sie ohnehin schon ist. Der Film kostet das aus und zeigt uns, womit man sich am Hof so die Zeit vertreibt, z.B. mit Entenrennen, mit Taubenschießen. Das Ganze garniert mit wunderschönen Kostümen des frühen 18. Jahrhunderts und entsprechend eingestreuter Musik, so entstand einer schöner Historienfilm mit …

Opernkritik: Mozarts „Zauberflöte“ – Nationale Opera & Ballet Amsterdam – 2018

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Wenn Vöglein die Sänger umflattern – Simon McBurney inszeniert „Zauberflöte“ in Amsterdam mit schlichten Mitteln – von Klaus J. Loderer 
Wie kann man Vögel über die Bühne flattern lassen? Braucht man dazu etwa ausgestopfte Vögel? Nein, man kann einen Vogel auch mit einem gefalteten weißen Papierblatt andeuten. Und mit einer entsprechenden Anzahl schwarz gekleideter Mitarbeiter wird daraus ein Vogelschwarm. Es sind einfache Mittel, mit denen Regisseur Simon McBurney in Amsterdam an „Die Zauberflöte“ herangeht und große Effekte erzielt.
Die Produktion aus dem Jahr 2012, in Zusammenarbeit mit der English National Opera London und dem Festival d’Aix-en-Provence entstanden, wurde nun für eine Folge von Aufführungen von der Oper Amsterdam wieder auf den Spielplan genommen. Die Produktion überrascht, weil auf ein großes Bühnenbild verzichtet wurde. Es spielt sich alles im Vordergrund ab. Es gibt eine große rechteckige Plattform, die an vier Seilen aufgehängt ist, die man anheben oder kippen ka…

Buchbesprechung: A Life in Fashion – The Wardrobe of Cecil Beaton

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Elegant und extravagant – Der Bildband „A Life in Fashion“ untersucht den Kleidungsstil des Fotografen Cecil Beaton – von Klaus J. Loderer
Heute fand ich in meinem Briefkasten ein wunderbares Buch über Cecil Beaton. Ich konnte es nicht lassen, sofort darin zu schmökern. Sir Cecil Beaton (1904-1980) ist vor allem als Fotograf bekannt. Berühmt sind die offiziellen Krönungsfotos der englischen Königin Elisabeth II.  und überhaupt die zahlreichen Fotos der königlichen Familie. Weniger bekannt ist, dass er auch die Hochzeitsfotos des Herzogs von Windsor gemacht hat. Er gehört zu den wichtigsten Porträtfotografen des zwanzigsten Jahrhunderts und fotografierte in Hollywood und London zahlreiche Stars. Zu seiner Bekanntheit trugen auch die Fotos bei, die er während des deutschen Bombardements von London machte.
Cecil Beaton entwarf übrigens auch zahlreiche Kostüme für Theateraufführungen und Filme. Für die Kostüme der Filme „Gigi“ und „My Fair Lady“ erhielt er sogar den Oscar. Cecil Beaton hat…

Filmkritik: „Das krumme Haus“ – ein Krimi nach einer Geschichte von Agatha Christie

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Wer ermordete Aristide Leonides? – „Das krumme Haus“ nach einer Kriminalgeschichte von Agatha Christie – von Klaus J. Loderer
Eine Frau setzt einem Mann eine Spritze. Der Mann stirbt. Man sieht in der Kinowochenschau, dass es sich um einen reichen Mann griechischer Abstammung handelte, der mit Restaurants in London reich wurde. Nun ist er tot und seine Enkelin vermutet, dass er ermordet wurde. Sophia (Stefanie Martini) will den Privatdetektiv Charles Hayward (Max Irons) engagieren, doch der lehnt kurz angebunden ab. Man sieht in einer Rückblende, dass die beiden in Kairo ein Verhältnis hatten. Sie ist dann verschwunden und er ist immer noch sauer. Aber er fragt mal bei Scottland Yard nach, was es denn mit dem Tod von Aristide Leonides auf sich habe. Da er jetzt neugierig ist, fährt er doch zum Haus der Familie Leonides. Dieses „krumme Haus“ ist natürlich ein prachtvoll, wenn auch düsterer riesiger Landsitz. Und er wirkt noch düsterer durch die dramatische Filmmusik von Hugo de Chaire. …

Wiederaufnahme der Ponnelle-Produktion von Rossinis „La Cenerentola“ – Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf – 2018

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Wenn die Chorherren mit roten Rosen schwingen – Deutsche Oper am Rhein nimmt Jean-Pierre Ponnelles legendäre „La Cenerentola“ wieder auf – von Klaus J. Loderer
Wenn beim Auftritt des vermeintlichen Fürsten der heruntergekommene Baron Don Magnifico und seine Töchter zum Hofknicks bereit stehen, werden sie durch das Ausrollen des roten Teppichs immer weiter nach rechts und fast von der Bühne gedrängt. Clorinda und Tisbe flirten dann mit vollem Körpereinsatz im Takt der Musik mit dem Fürsten. Dem scheint es geradezu Spaß zu machen, die beiden zu erschrecken und in die Flucht zu schlagen. Die Chorherren stehen in roten Fräcken daneben und wippen mit roten Rosen. Jean-Pierre Ponnelle hat diese Szene mit Schritten, Gesten und Mimik in der köstlichsten Art und Weise genau auf die Musik inszeniert. Mit den von Ponnelle entworfenen Kostümen im Stil des frühen 19. Jahrhunderts und dem wie ein riesiges in Tusche gezeichnetes Architekturcapriccio als Bühnenbild entstand eine „Cenerentola“, die sch…

Filmkritik: „Widows – tödliche Witwen“

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Wie man in Chicago Geld verdient – „Widows – tödliche Witwen“, ein spannender Thriller von Oscar-Preisträger Steve McQueen – von Klaus J. Loderer
Was für ein Chicago erlebt man in diesem Film. Genau das Chicago, das man sich unter diesem Namen vorstellt. Stadtratswahlen stehen an. Die Bevölkerung des 18. Bezirks hat als Kandidaten die Auswahl zwischen einem korrupten Weißen, dessen Familie seit Generationen im Stadtrat sitzt und luxuriös von Bestechungsgeldern lebt, und einem schwarzen Gangster. Dummerweise hat ihm ein anderer Gangster die zwei Millionen Dollar geklaut, mit dem er seinen Wahlkampf finanzieren wollte – also mit denen er wichtige Leute bestechen wollte, wie einen zwielichtigen Prediger mit großer Hörerschaft. Wenn man dazu die heruntergekommenen Straßenzüge im Hintergrund sieht, könnte man meinen, man sieht ein Sozialdrama. Diese Problematik bekommt man im Film so beiläufig auch mit, aber sie wird uns nicht weinerlich aufgetischt. Wenn, dann setzt sie uns Regisseur Steve…

Premierenbesprechung: Richard Wagners „Lohengrin“ – Theater Bonn – 2018

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Der Schwanenritter schwebt am Klavier herein – Publikum feiert neuen „Lohengrin“ im Opernhaus Bonn – von Klaus J. Loderer
Es ist ein Lohengrin der sanften Töne, den Mirko Roschkowski in der Oper Bonn singt. Seine Gralserzählung im dritten Aufzug lebt vom Kontrast zwischen dem leisen Anfang und den mächtig heldischen und doch hellen Tönen, zu denen er sich schließlich aufschwingt. Charaktervolle und sichere Höhe zeichnet seine Interpretation ebenso aus wie eine gewisse sphärische Entrückung, die der Rolle guttut. Er moduliert mit der Stimme, nimmt sie nach lauten Ausbrüchen wieder zurück, spielt geradezu mit den Lautstärken. Man erlebt ein gelungenes Rollendebüt. Entsprechend stürmisch ist der Beifall für Mirko Roschkowskis beim Schlussapplaus. Der ist aber überhaupt für alle beteiligten Künstler geradezu frenetisch. Das Premierenpublikum feiert die neue Lohengrin-Produktion. Künstlern und Publikum hätte man ruhig noch eine große Applausrunde mehr gönnen können.

Am Erfolg hat auch das gu…

Opernkritik: Giuseppe Verdis „La forza del destino“ – Staatstheater Augsburg gastiert im Stadttheater Fürth – 2018

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Südamerikanischer Drogenkrieg im rosa Mädchenschlafzimmer – Staatstheater Augsburg gastiert mit Giuseppe Verdis „La forza del destino“ (Die Macht des Schicksals) im Stadttheater Fürth – von Klaus J. Loderer
Das dramatisch aufwühlende musikalische Hauptmotiv, mit dem Verdi schon die Ouvertüre von „La forza del destina“ beginnen lässt und das sich dann durch die gesamte Oper zieht, nutzt Regisseur André Bücker in seiner Inszenierung für das Staatstheater Augsburg, dem er als Intendant vorsteht, zur Untermalung eines Albtraums, den die wild sich im Bett herumwerfende Leonora hat. Ihr von Bühnenbildner Jan Steigert entworfenes rosafarbenes Riesenschlafzimmer ist ein prächtig-kitschig-neureiches Ambiente mit gut sortierter Hausbar wie in einer südamerikanischen Soap Opera. Der Vater ist denn auch kein Marchese sondern eher ein Pate, der seine Interessen mit einer mit Maschinengewehren bewaffneten Privatarmee schützt. Dass Prinzesschen Leonoara davon träumt, diesem goldenen Gefängnis mithilf…