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Konzertkritik: Teodor Currentzis leitet Verdi-Requiem – Elbphilharmonie Hamburg – 2019

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Ein Meister der Extreme – Teodor Currentzis mit Musicaeterna, Orchester und Chor der Oper Perm, mit dem Verdi-Requiem in der Elbphilharmonie Hamburg – von Klaus J. Loderer
Es ist schon bemerkenswert, wie es Teodor Currentzis fertigbringt, Spannung aufzubauen. Die letzten Töne sind verklungen und immer noch steht der Dirigent in höchster Körperspannung da, als wolle er den Klang festhalten. Und das Publikum wartet gebannt. Bleibt still. Hält wie hypnotisiert mit dem Dirigenten den Atem an. Dann entspannt er sich, zeigt an, es ist aus und tosender Beifall setzt ein. Dirigent, Solisten, Chor und Orchester nehmen den verdienten Beifall entgegen, fallen sich in die Arme und fotografieren sich gegenseitig im Saal der Elbphilharmonie.
Ich kann das alles gut sehen von meinem Sitzplatz hinter dem Orchester. Mimik und Gestik kann ich beobachten, wie Currentzis mitsingt, wie er das Orchester leitet. Akustisch ist dieser Platz nicht unproblematisch. Als Beispiel möchte ich die Sopranistin nennen. I…

Premierenkritik: Dvoráks Märchenoper „Rusalka“ – Oper Köln – 2019

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Gescheiterte Hoffnung – Nadja Loschky schafft eine berührende Inszenierung von Antonin Dvoráks lyrischem Märchen „Rusalka“ an der Oper Köln – von Klaus J. Loderer 
Ganz ohne Wassergeister kommt Nadja Loschky in ihrer Inszenierung von Antonin Dvoráks Märchenoper „Rusalka“ – vom Komponisten lyrisches Märchen genannt – an der Oper Köln aus. Sie überträgt die Geschichte, ohne ihr das Geisterhafte zu nehmen, und kommt zu einer sehr berührenden Lösung. Ein steil ansteigender Bretterboden, der hinten in gekurvter Umkehrung vorschwingt bildet als Assoziation einer Welle den schlichten Rahmen im Staatenhaus 2, in dem die Kölner Oper „Rusalka“ zur Aufführung bringt. Es mag erstaunen, dass es sich um die Kölner Erstaufführung handelt. Hält man das Bühnenbild von Ulrich Leitner zuerst für schlicht, entfalten sich darauf im Laufe der Aufführung ungeahnte Dinge. Nebel wallt herunter, von Nicol Hungsberg geisterhaft ausgeleuchtet. Männer ziehen mühsam ein riesiges Objekt auf die Bühne. Man mag zuerst…

Buchbesprechung: Vision und Tradition, 200 Jahre Nationaltheater in München

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Und immer wieder die Königin der Nacht  – Jürgen Schläder entwirft in „Vision und Tradition“ eine opulent bebilderte Geschichte der Szenographie des Nationaltheaters in München – von Klaus J. Loderer
Eine Geschichte des Bühnenbilds am Nationaltheater in München, heute Sitz der renommierten Bayerischen Staatsoper, bietet die Möglichkeit über zwei Jahrhunderte künstlerische Ideen in einem Haus zu vergleichen. Blättert man das Buch „Vision und Tradition“ durch, das aus Anlass einer Ausstellung des Theatermuseums zum Jubiläum 200 Jahre Nationaltheater erschien, durch, ist man erstaunt, wie viele Inszenierungen von Pfitzners „Palestrina“ es hier gab, einer ansonsten doch überaus selten gespielten Oper, die aber in München ihren festen Platz in der Rezeptionsgeschichte hat. Weniger erstaunt ist man bei den Wagner-Opern. Und noch weniger wundert man sich den breiten Querschnitt, den Mozarts „Zauberflöte“ bietet. Jürgen Schläder setzt diese Produktionen aus verschiedenen Epochen gezielt nebene…

Konzertkritik: Marc-André Hamelin in Kattowitz (Katowice) – 2019

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Brillanz und Gefühl– Marc-André Hamelin spielt im Konzerthaus des nationalen Sinfonieorchesters des polnischen Rundfunks in Kattowitz Werke von Castelnuovo-Tedesco, Schubert, Weissenberg, Fauré und Chopin – von Klaus J. Loderer 
Dank des nationalen Sinfonieorchesters des polnischen Rundfunks (Narodowa Orkiestra Symfoniczna Polskiego Radia w Katowicach) besitzt Kattowitz seit einigen Jahren neben der historischen Schlesischen Philharmonie auch einen großen modernen Konzertsaal. Hat der Saal äußerlich mit der Backsteinverkleidung Anklänge an die historische Industriearchitektur, soll die Anthrazitfärbung des Saalblocks an die Tradition des Kohlebergbaus erinnern. In warmen Holztönen schwingen die Brüstungen der Ränge durch den großen Konzertsaal.
Hier spielte kürzlich der in Montreal geborene Pianist Marc-André Hamelin Werke von Castelnuovo-Tedesco, Schubert, Weissenberg, Fauré und Chopin. Wie so oft begnügte sich Hamelin nicht dem bei Konzerten üblichen Standardrepertoire. Bei diesem Kon…

Opernkritik: „Herzog Blaubarts Burg“ (A kékszakállú herceg vára) – Philharmonie Stettin (Szczecin) – 2019

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Klanggewaltig – Konzertante Aufführung von Béla Bartóks Oper „Herzog Blaubarts Burg“ (A kékszakállú herceg vára) in der Philharmonie Stettin (Filharmonia Szczecin) – von Klaus J. Loderer 
Dieser Klang sprengte fast den Rahmen des großen Saals der Philharmonie in Stettin. Umrauscht wurde man von den gewaltig sich zu mächtigen Fortissimi aufbauenden Crescendi, die der englische Dirigent Stefan Asbury mit dem auf hundert Musiker aufgestockten Sinfonieorchester der Mieczyslaw-Karlowicz-Philharmonie Stettin aufbaute. Effektvoll waren Trompeten und Posaunen auf der Chortribüne über dem Orchester platziert. So entfaltete sich die zentrale Stelle der Oper zu großartiger Wirkung. Es ist der guten Akustik des Saals zu verdanken, dass diese Musik trotzdem nicht dröhnte. Ein gut geprobtes Orchester und ein feinfühliges Dirigat ließen die Feinheiten der Partitur trotz der großen Besetzung hörbar werden.
Was hier so gewaltig sich aufbäumte war die konzertante Aufführung von Béla Bartóks einstündiger …

Ausstellung „Vision und Tradition“ – Deutsches Theatermuseum München 2018/2019

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Münchner Bühnenbilder – Das Deutsche Theatermuseum in München würdigt das Jubiläum 200 Jahre Nationaltheater mit der Ausstellung „Vision und Tradition“ zur Geschichte des Bühnenbilds – von Klaus J. Loderer
Es ist schon eine faszinierende Wirkung, die sich im letzten Raum der Ausstellung „Vision und Tradition“ entfaltet. Wie kommt dieser riesige Raum in das Gebäude, fragt man sich überrascht. Unendlich scheint er. Nach rechts und nach links entfaltet er sich, wo eigentlich die Außenmauern des Gebäudes sein müssten. Natürlich ist der Raum nicht unendlich, er wirkt durch die komplett verspiegelten Wände nur so. Wie aus Zeit und Raum enthoben, fühlt man sich darin und lauscht gebannt den Ton- und Filmausschnitten, die auf vier im Raum hängenden Leinwänden projeziert werden. Jedenfalls ist das eine effektvolle Idee, um die Opernkunst im 21. Jahrhundert zu symbolisieren. So schließt eine Ausstellung im Deutschen Theatermuseum in München, die die Bühnenkunst des Nationaltheaters München über…

Opernkritik: Giuseppe Verdis „Ein Maskenball“ (Un ballo in maschera) – Staatstheater Darmstadt – 2019

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Amelia ist wirklich untreu – Giuseppe Verdis Oper „Ein Maskenball“ am Staatstheater Darmstadt – von Klaus J. Loderer 
Es könnte eine Kirche in Neuengland sein, dieses Stahlgerüst, das mit seinen Giebeln und Erkern ein Gebäude gerade so andeutet. Sich langsam drehend, sehen wir dieses eindrückliche Bauwerk des Bühnenbildners Andrea Cazzi nach und nach von allen Seiten. Vor dem dunklen Bühnenhintergrund blitzt es manchmal grell auf. Ein dramatischer Moment in dieser Aufführung von Giuseppe Verdis Oper „Ein Maskenball“ am Staatstheater Darmstadt ist der Auftritt der Seherin Ulrica, die uns hier in einem Käfig gefangen vorgeführt wird. Sie wird in der Szene gepeinigt wie ein wildes Tier. Kammersängerin Elisabeth Hornung (seit vielen Jahren eine wichtige Stütze des Darmstädter Opernensembles) verleiht dieser Rolle mit düsterer Tiefe Charakter. Wir sehen hier nicht die nette Seherin mit ihren Fans. Angstvoll strecken die Frauen ihr Fackeln und Gesangbücher entgegen. Regisseur Valentin Schwar…

Opernkritik: „Serse“ (Xerxes) – Badisches Staatstheater Karlsruhe – 2019

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King of Bling – Popshow statt Schlachtengetümmel – Franco Fagioli und Max Emanuel Cencic als Stars von Händels kurzweilig inszenierter Oper „Serse“ (Xerxes) bei den 42. Händelfestspielen in Karlsruhe – von Klaus J. Loderer
Erobert werden sollen in dieser Inszenierung nicht fremde Länder sondern Fans. Und die jubeln fleißig, wenn der King of Bling auf die Bühne kommt. Liberace mit seinen fantasievollen Kostümierungen stand Pate für diesen Popstar, zu dem der antike persische Feldherr und König Xerxes bei den 42. Händelfestspielen in Karlsruhe wurde. Serse heißt er in Händels gleichnamiger Opernfassung, sicherlich eine der bekanntesten Opern des Barockkomponisten und in dieser Saison in einigen Theatern auf dem Spielplan. Da muss man schon mit einer spektakulären Produktion aufwarten. Die bietet Karlsruhe schon durch die Sänger, indem man zwei der besten Countertenöre verpflichtete: Franco Fagioli und Max Emanuel Cencic. Schon diese beiden sorgen für eine entsprechend gute musikalische Q…

Opernkritik: Gaetano Donizettis „Maria Stuarda“ – Gärtnerplatztheater München – 2019

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Wer im Glashaus sitzt ... – Michael Sturminger inszeniert mit Gaetano Donizettis Königinnenoper „Maria Stuarda“ am Gärtnerplatztheater in München einen spannenden Zickenkrieg – von Klaus J. Loderer
Das Bay Window gehört zum festen Bestandteil des englischen Wohnhauses. Die Paläste der elisabethanischen Zeit sind geradezu eine Orgie an Bay Windows. Von solchen Erkern ließen sich wohl die Bühnen- und Kostümbildner Andreas Donhauser und Renate Martin für ihren riesigen, von drei Glaswänden gebildeten Bühnenraum für „Maria Stuarda“ inspirieren. Mit Projektionen ließen sich auf den Glasscheiben wechselweise Fenstersprossen oder Bäume erkennen. So schlicht stilisiert das Bühnenbild ist – abgesehen von Kronleuchtern für königlich-elisabethanisches Ambiente – prunkt die Produktion mit üppigen Kostümen, Reifröcken und Halskrausen der Handlungszeit. Regisseur Michael Sturminger scheut das große Tableau mit symmetrisch aufgestellter Hofgesellschaft zum Auftritt der Königin nicht. Festlich-gülden …

Amüsantes Divertissementchen „Offenbach“ in Köln – Bühnenspielgemeinschaft Cäcilia Wolkenburg – 2019

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Offenbach! Platz! – Ein gelungener Wurf: Cäcilia Wolkenburg würdigt im neuen Divertissementchen mit viel köllschem Humor den vor 200 Jahren in Köln geborenen Jacques Offenbach – von Klaus J. Loderer
Jetzt wissen wir endlich, warum es mit der Opernrenovierung in Köln nicht vorangeht. Die Bauarbeiter, die uns das diesjährige Divertissementchen im ersten Bild im Rohbau der Kölner Oper vorführt, sind mit anderen Dingen beschäftigt, jedenfalls nicht mit arbeiten. Lehrling Karl Friedrich Naseweis (Johannes Fromm) ist jedenfalls ganz erstaunt, dass der von Mama gebackene Kuchen unter seinen Kollegen nicht ankommt. Die schätzen Getreide nicht gebacken sondern gebrannt. Und so beginnt man den Tag erst einmal mit einer Runde Korn. Dann erzählt der Vorarbeiter, was es mit dem Offenbach-Platz auf sich hat.
Das Divertissementchen des Jahres 2019 widmet sich Jacques Offenbach. Dieser wurde vor 200 Jahren in Köln geboren. Also dachte sich Regissseur und Librettist Lajos Wenzel eine wilde Geschichte au…