Theatergeschichte: Vor 110 Jahren wurde das von Oskar Kaufmann geplante Stadttheater Bremerhaven eröffnet

„Es herrschte nur eine Stimme der höchsten Anerkennung über die prächtige und harmonische Ausstattung des Kunsttempels“ 

– Vor 110 Jahren wurde das neue Stadttheater in Bremerhaven, ein Werk des Architekten Oskar Kaufmann, eröffnet – 

von Klaus J. Loderer


„Bremerhaven, den 1. Oktober. Das neue Stadttheater wurde gestern abend vor einem zahlreichen Kreise geladener Gäste, unter denen sich die Spitzen der Behörden, Vertreter der Kunst und Wissenschaft, der Presse und eine große Anzahl von Freunden des Kunstinstituts befanden, durch die Generalprobe des Shakespeareschen Sommernachtstraums eingeweiht. Das Theater war bis auf den letzten Platz besetzt. Es herrschte nur eine Stimme der höchsten Anerkennung über die prächtige und harmonische Ausstattung des Kunsttempels, der nach dem Urteil berufener Sachverständiger in seiner Raumgestaltung, seiner vornehmen Ausstattung und ausgezeichneten Akustik zu den hervorragendsten Deutschlands zählt. Auch die Aufführung unter Regie des Direktors Burchard stand auf voller künstlerischer Höhe.“ So schwärmte die Tageszeitung Hamburgischer Correspondent am 2. Oktober 1911 vom neu eröffneten Stadttheater in Bremerhaven.

 

Das Theater Bremerhaven in einer historischen Fotografie

Foto: Berliner Architekturwelt 1911


Die Geschichte des Stadttheaters Bremerhaven geht aber weiter zurück. Allerdings gehörte ein Theatergebäude nicht zu den ersten Bauten der 1827 zwischen den Flüssen Geeste und Weser gegründeten Stadt. Ab 1840 fanden Theateraufführungen in einem einfachen Gebäude an der Fährstraße statt. Das Theater im Volksgarten wurde am 3. Oktober 1849 mit Boieldieus „Die weiße Dame“ (La dame blanche) eröffnet. 1854 entstanden die Vereinigten Theater in der Grünen Straße (heute Grazer Straße). Das neue Stadttheater im Volksgarten wurde 1867 eröffnet. Es wich Anfang der 1880er-Jahre einem Neubau. „Das Th. wurde 1881 erbaut und faßt 1000 Personen.“ – so liest man im Neuen Theater-Almanach von 1903. In der Chronik des Neuen Theater-Almanachs 1905 findet sich der Hinweis auf die Schließung des Theaters am 5. April 1903: „Das Stadttheater in Bremerhaven, erbaut 1881 im Volksgarten, schließt für immer seine Pforten.“ Die Schließung wurde feuerpolizeilich veranlasst. Ab dem 2. November 1903 spielte man in einem Ausweichquartier wieder Theater.

 

Im Sommer 1906 wurde der dem Theatersaal benachbarte Ballsaal zum Theater umgebaut. Der Saal wurde „vollständig renoviert, mit Logen, Parketterhöhung, Foyer, neuen Dekorationen und Vorhängen, sowie dreifacher elektrischer Lichtanlage versehen und faßt 1200 Personen.“ (Neuer Theater-Almanach 1909, S. 328).

Planung eines neuen Stadttheaters

Damit Bremerhaven zu einem neuen Theater kommt, gründete eine Reihe von Bürgern 1903 die Theater-Gesellschaft AG. Allerdings wurde auch die Stadt aktiv, um ein neues Theater zu bauen. Sie erwarb 1906 Grundstücke am Marktplatz erworben, darunter den sog. Kanonenplatz. Stadtbaurat Julius Hagedorn sollte eine Konzeption erarbeiten. Die Architekten Heinrich Seeling und Carl Moritz, beides Spezialisten für Theaterbau, wurden zugezogen. Dieser Vorentwurf wurde wegen der zu hohen Baukosten aber verworfen. Im Juli 1909 wurde ein beschränkter Wettbewerb ausgeschrieben. In das Preisgericht wurden Stadtdirektor Erich Koch, Stadtverordnetenvorsteher Lehmkuhl, Stadtrat Erich Jäger (Vorsitzender der Theaterkommission), Stadtbaurat Julius Hagedorn und die auswärtigen Architekten Heinrich Seeling, Emil Högg und Albert Hoffmann berufen. Um Entwürfe wurden die Architekten Max Littmann, William Müller und Martin Dülfer um Wettbewerbsbeiträge gebeten. Littmann war durch das Prinzregententheater und das Künstlertheater in München, das Kurtheater in Bad Kissingen, das Schillertheater in Berlin, das Stadttheater Hildesheim und das Hoftheater in Weimar ein bekannter Theaterarchitekt. Dülfer war durch die Stadttheater in Meran, Lübeck und Dortmund bekannt. Müller war Mitherausgeber der Architekturzeitschrift „Der Baumeister“ und hatte 1906 die Kammerspiele des Deutschen Theaters in Berlin geplant. Wegen Littmanns Absage wurde Oskar Kaufmann eingeladen, am Wettbewerb teilzunehmen. Nach Plänen dieses jungen Architekten war 1906-1908 in Berlin das Hebbeltheater entstanden. 


Das Preisgericht entschied sich im November 1909 für Dülfers Entwurf. Dies geschah wohl auf Einfluss der externen Preisrichter. Die Vertreter der Stadt bevorzugten Kaufmanns Entwurf und baten diesen um eine Überarbeitung. Auch Dülfer wurde um Überarbeitung gebeten, forderte aber auch für die zweite Stufe ein Preisgericht, was die Stadt ablehnte. Darauf verzichtete Dülfer auf den Auftrag. Oskar Kaufmann legte im August 1910 einen überarbeiteten Entwurf vor. Schon am 14. Oktober 1910 fand die Grundsteinlegung statt. Innerhalb eines Jahres wurde das Gebäude fertiggestellt.


Entwurf Oskar Kaufmanns für das Theater Bremerhaven

Foto: Berliner Architekturwelt 1911


Der Architekt Oskar Kaufmann

Mit dem Hebbeltheater in Berlin und dem Stadttheater Bremerhaven etablierte sich Oskar Kaufmann als Theaterarchitekt. Geboren wurde er 1873 in Sanktanna (Santana, Újszentanna), das damals zum Königreich Ungarn gehörte. Er studierte in Budapest und ab 1895 in Karlsruhe Architektur. 1901 bis 1903 arbeitete er im Büro des Architekten Bernhard Sehring am Stadttheater Bielefeld mit und eröffnete dann ein eigenes Büro. Er plante z.B. die Volksbühne in Berlin und das Wiener Stadttheater. Für Aufsehen sorgte das Kino Cines am Nollendorfplatz. Nach dem Ersten Weltkrieg plante er zahlreiche Villen. An Theatern sind die Krolloper und die beiden kürzlich abgerissenen Theater am Kurfürstendamm, die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm zu nennen. 1933 emigrierte er nach Palästina und war auch dort als Architekt tätig, bis sich die Auftragslage so verschlechterte, dass er 1939 nach Europa zurückkehrte. Es folgten schwierige Jahre in England, Rumänien und Ungarn. In Budapest plante er den Umbau des Erkeltheaters und den Neubau des Madachtheaters. Er starb 1956 in Budapest.

Das neue Stadttheater Bremerhaven

In der Chronik 1911/1912 berichtet der Neue Theater-Almanach von 1913 über die Eröffnung des Theaters: „Das neue Stadttheater in Bremerhaven wird unter der Direktion von Gustav Burchard, dem langjährigen Oberspielleiter des Bremer Stadttheaters, mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ eröffnet. Die Ausführung des in klassischen Formen gehaltenen Gebäudes wurde von Oskar Kaufmann, dem Erbauer des Berliner Hebbel-Theaters, geleitet. Er hat ein modernes Bühnenhaus geschaffen, das allen Anforderungen des Publikums und der Mitwirkenden bestens gerecht wird und vornehmen, künstlerischen Geschmack mit praktischen Einrichtungen verbindet.“ (Neuer Theater-Almanach 1913, S. 130)

 

Überhaupt scheint die Resonanz in der Presse positiv gewesen zu sein. Die Hamburgische Correspondenz wurde eingangs zitiert. Die Architekturzeitung Berliner Architekturwelt stellte das neue Stadttheater 1915 ausführlich vor. Nach sehr kritischen Äußerungen zu Kaufmanns Berliner Hebbeltheater ist der Verfasser, der Schriftsteller, Kunstkritiker und Architekturautor Hans Schliepmann vom Theater Bremerhaven dann doch sehr angetan.

„Die Stadt dürfte ihrer Wahl froh geworden sein, denn das fertige Werk hat nur die verhältnismäßig äußerst niedrige Kostensumme von 650000 Mk. erfordert – und läßt nirgends erkennen, daß auch noch finanzielle Gesichtspunkte neben den künstlerischen berücksichtigt worden sind. Die Baustelle liegt […] seitlich an dem Hauptplatz und der Hauptstraße der Stadt; die Rückseite des Theaters stößt an die Straße Am Hafen. Kaufmann hat nun vor dem Schauhause in geschickter Ausnutzung der sehr tiefen Baustelle noch einen kleinen Nebenplatz geschaffen, der nicht nur eine Verbesserung des Verkehrs nach Theaterschluß herbeiführen, sondern namentlich auch das Gebäude aus dem Alltagsgetriebe herausrücken und für ruhige Betrachtung absondern soll. Seitlich begrenzt diesen Vorplatz ein noch im Bau begriffenes, ebenfalls von Kaufmann geschaffenes Gebäude mit einem Turm, das unten ein Teehaus, oben die städtische Bildergallerie aufnehmen soll. Ohne aufwändige Schmuckarchitektur, lediglich durch eine großzügige und harmonische Entwicklung aus dem Grundriß – der natürlich schon bei der Konzeption wieder mit Rücksicht auf das zu gewinnende Hauptmotiv, den lebendig vortretenden Foyerbau, geschaffen wurde – gelang es Kaufmann, dieser Gruppe eine höchst eindrucksvolle, das Maß für eine Mittelstadt weit überragende Monumentalität zu verleihen. Das hervorragend schöne Material – Muschelkalkstein für die Wände, Kupfer und holländische Pfannen für die Dächer – kann diesen Eindruck in Wirklichkeit nur verstärken; die Abbildungen aber lehren, daß der Künstler nicht nur dem Zuge der Zeit gefolgt ist, durch edles Material zu wirken alle Verfallszeiten haben durch dieses Mittel den Mangel an Kunstkönnen zu verdecken gesucht – sondern daß es im Grunde die ebenso eigenartige wie wohlabgewogene Erfindung ist, die dem Werke den Ausdruck gegeben, und zwar einen Ausdruck, der trotz der Neuartigkeit der Formen ohne weiteres die Zweckbestimmung des Hauses erkennen läßt. Auch der Laie muß fühlen: das ist ein Theater, und ein einladendes dazu, wozu nicht wenig die reizvolle Stufenanlage beiträgt, die sich ohne Vorbau für eine Unterfahrt frei vor dem Vestibül entwickelt. Der Fortfall dieser Unterfahrt hat unzweifelhaft der großzügigen Entwicklung der Gesamtanlage nur Vorteil gebracht; er konnte gewagt werden, weil Bremerhaven wohl schwerlich schon einen Automobilpark zu den Vorstellungen entsendet.

[…] Wesentlich aber ist, daß Kaufmann beim Zuschauerraum mit allen Mitteln auf einen Saaleindruck hingearbeitet hat, indem er nur einen einzigen Rang anlegte, über dem dann die zurückhaltend gegliederte Wand, nur von den Logen durchbrochen, zur flachen Decke ansteigt. Das verleiht dem Raum eine Intimität, eine vornehme Ruhe und Geschlossenheit, den ein Rangtheater mit seinen schwebenden und konstruktiv nicht einleuchtend gemachten vielen Brüstungen niemals erreichen kann. Indem der Künstler dann, wie beim Hebbeltheater, das ja auch bereits auf eine Unterdrückung der oberen Ränge für den Raumeindruck hinarbeitete, das ganze Haus in poliertem, wundervoll gemasertem Holz hielt – es ist rötliches afrikanisches Birnbaumholz – blieb er seinem, nur beim Zirkus am Nollendorfplatz verlassenen neuen Bildungsgesetz treu, ein Haus der inneren Sammlung und seelischen Vorbereitung, zum Schauen, nicht zum Gesehenwerden zu errichten, ein Haus, das wahrhaft den guten Geistern der Bühnenkunst gewidmet zu sein scheint. Dem entspricht die Zurückhaltung in den Formen, die trotzdem den Eindruck von Reichtum in edelster Kulturform macht. Der Schmuck – die farbigen Intarsien an den Wänden, der weinrote Samtvorhang mit seinen gestickten Medaillons, die Bemalung der flachgespannten, gelblich getönten Decke mit Bemalung von August Unger und der große Kronleuchter – ist unaufdringlich, doch von erlesener Wirkung. Von einer weiteren Neuerung Kaufmanns aber ist noch etwas ausführlicher zu sprechen. Wir sahen, daß ihm als Ideal das möglichst intim zusammengefaßte Saaltheater vorschwebte. Den einen Rang mußte er schon noch hinzufügen, um die verlangte Zahl von 1000 Sitzen noch im Zuschauerraum unterbringen zu können. Da er aber die wertvollsten Plätze enthielt, war nun auch seine erhebliche Ausdehnung nicht nur wirtschaftlich, sondern auch künstlerisch gerechtfertigt: die Saalarchitektur baut sich recht eigentlich erst hinter dem Ersten Rang auf. Nun ist aber mit dem Vortreten des Ranges über das Parkett in jedem Theater der Übelstand verbunden, daß die Sitze unter der Rangdecke wegen der geringen lichten Höhe recht ungünstig sind. Diese geringe Höhe aber ist wieder aus der Notwendigkeit hervorgegangen, dem Ersten Rang noch einen möglichst günstigen, also nicht hoch über der Bühnenrampe belegenen Standpunkt für die Betrachtung des Spieles zu sichern. Der Unterschied von freien Parkettsitzen zu solchen unter der Rangdecke in bezug auf das Wohlbehagen der Zuschauer ist überall ein so gewaltiger, daß sich von vornherein eine starke Differenzierung dieser Plätze, auch im Preise, rechtfertigt. Dem hat nun Kaufmann mit einem ebenso entschiedenen wie überaus glücklichen Griff Rechnung getragen, indem er gerade das unbemittelte Publikum, das sonst aus den schwindelnden Höhen der „Galerie“ ganz verzerrte Bühnenbilder zu genießen suchen muß, in den hinteren sieben Parkettreihen unterbrachte. Er hat damit diesem Publikum, das ja oft genug die echteste Kunstbegeisterung hegt und deshalb ein moralisches Recht auf gutes Sehen hat, sicherlich eine wahre Wohltat erwiesen. Er hat aber auch den Parkettbesuchern in ihrem Hochgefühle der besseren Toiletten und des reichlicheren Geldbeutels Rechnung getragen, ihrer Forderung, nicht mit Krethi und Plethi vermischt zu werden, indem er das eigentliche Parkett von der Kassenhalle und durch die seitlich anschließenden Umgänge zugänglich machte, während er die Besucher der billigen Plätze gesonderte Wege führt. Die niedrig belegenen Seitenportale rechts und links in der Front vom Vestibülvorbau führen nämlich zunächst treppab in einen Raum unter der Kassenhalle, der gleichzeitig als gesonderte Wandelhalle dient. Von ihm aus führen dann zwei Treppen zwischen den verdoppelten Scheidewänden hinter dem Parkett zu diesem empor, die vor dem Mittelgang der hinteren sieben Parkettreihen münden. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß hier ein ganz vorzüglicher neuer Gedanke zur Ausführung gekommen ist, der vorbildlich für weitere Schöpfungen werden dürfte. Zu bemerken wäre vielleicht nur, daß die Anlage für das Hinausströmen der Besucher bei Gefahr etwas ungünstig ist. Dem ließe sich aber, besonders bei größeren Schauhäusern, sehr wohl abhelfen, wenn noch seitlich je eine Nottür, die also für den gewöhnlichen Betrieb nicht in Betracht käme, nach dem Parkettumgang vorgesehen würde, so daß bei einer Panik die Besucher der billigsten Plätze nicht erst treppab, treppauf, sondern sogleich durch die Kassenhalle ins Freie eilen könnten. In Bremerhaven ist man minder bedenklich gewesen; auch die Zahl der Sitzplätze in je einer ununterbrochenen Reihe ist größer, als es die Berliner Theaterverordnung vorsieht. Das dürfte auch insofern eine gewisse Berechtigung haben, als kleinere Stadttheater ja meist von einem Stammpublikum besucht werden, das genaue Kenntnis der Örtlichkeit gewonnen hat und daher für einen Anfall vollständiger Kopflosigkeit bei drohender Gefahr eher ein wenig „immun“ ist. Wesentlich ist nun noch, daß der Fortfall der Galerie sich obenhin noch als eine Ersparnis ergeben hat. Die erforderliche Vergrößerung der Parkettfläche zur Unterbringung der geforderten 1000 Plätze hat sich als billiger herausgestellt, als die verwickelte Eisenkonstruktion einer zweiten Galerie und die durch die Anlage eines zweiten massiven Umganges und Höherlegung der Saaldecke nötig werdende Vergrößerung des umbauten Raumes, ganz abgesehen von den akustischen Vorteilen, die ein niedrigerer Saal bietet. Bei hohen Bodenpreisen dürfte sich allerdings die Rechnung anders stellen, doch bleiben auch dann noch die ästhetischen Vorteile. Endlich sei auch noch auf die geschickte Anordnung der Treppen zum ersten Rang zwischen den doppelten Windfängen der Eingangshalle, die die lästigen Zugerscheinungen vor den Kleiderablagen tunlichst vermeiden, besonders hingewiesen. Von den Nebenräumen braucht nicht viel gesagt zu werden; die Abbildungen sprechen für sich selbst. Der Kassenraum ist in steinartig bemaltem Putz gehalten, in den Schmelzmosaiken nach Entwürfen von August Unger eingelassen sind. Das Foyer brauchte nach der ganzen Grundrißdisposition nicht über das Bedürfnis hinaus verbreitert zu werden, wie bei fast allen Entwürfen zum neuen Königlichen Opernhaus in Berlin, wo die Breitenausdehnung des Bühnenhauses zu dessen Verdeckung durch einen ungemein kostspieligen und den Zweck weit übertreibenden Vorder-„Prospekt“ führen mußte. Es ist, nur im Grundriß viel logischer vorbereitet, ein direkter Abkömmling des reizenden ovalen Foyers des Berliner Hebbeltheaters, nur etwas reicher gehalten. Goldgelbes Birkenholz wird durch Nußbaumschnitzereien und bronzene Heizgitter und silbergraue Seidenvorhänge an den Fenstern gehoben. Der plastische Schmuck ist, wie am ganzen Hause, von besonderer Schönheit; ein Werk von Roch und Feuerhahn in Berlin. Letzterer ist als Künstler ja schon seit Errichtung des Rheingold-Weinhauses in die erste Linie der Dekorationsbildhauer gerückt. Er dürfte bewiesen haben, daß es wirklich nicht mehr nötig ist, immer erst in München nach starken Begabungen auszuschauen. Auch dort kann schwerlich einer mehr Ursprünglichkeit der Idee mit mehr dekorativem Raumgefühl verbinden. Ebenso sollte der ganze Bau uns noch das eine lehren, daß es wirklich nicht nötig ist, reuevoll zu den Neuauflagen von Palladio und Schinkel zurückzukehren, so hoch wir auch diese Meister hinfort wie bisher schätzen wollen. Kaufmann hat jede abgeleierte Architekturfloskel vermieden; all seine Formen sind bewußt modern. Aber und das ist das Beste! man merkt das kaum; sie drängen sich nicht vor, sie scheinen ganz selbstverständlich, aus dem Sinn des Ganzen geboren, und niemand vermißt vor dem erfreulichsten Gesamteindruck das Fehlen der heroischen Kostümgebärden in Säulenstellungen, Giebeln, krönenden Figuren und Proszenium-Architektur-Übermaß, Dazu kommt, daß nirgend Ungelöstes stehen geblieben ist, daß alles liebevollste Durchbildung erkennen läßt. Kaufmann hat sein Glück in unermüdlichem und gewissenhaftestem Schaffen sich nachträglich redlich verdient. Bei der Ausarbeitung des Entwurfes halfen ihm die Architekten Ebbecrone und Karl Machlup; die Bauleitung lag in den Händen des Bremerhavener Bauführers Neumann. Um die Entstehung des Theaters hat sich der dortige Stadtdirektor (Bürgermeister) Koch besonders verdient gemacht. Der Stadtbaurat Hagedorn stand dem Künstler dauernd mit Rat und Tat zur Seite. So hat Bremerhaven ein Theater gewonnen, das allen Teilen zu hoher Ehre gereicht.“ (Berliner Architekturwelt, 17.1915, 2, S. 45-49, Abb. 50-84)


Soweit Hans Schliepmanns Besprechung in der Zeitschrift Berliner Architekturwelt. Beim rechts an das Theater anschließende Museumsgebäude verzögerte sich die Ausführung. Es wurde erst 1912 fertiggestellt. Das Obergeschoss bezog der 1886 gegründete Kunstverein Bremerhaven. Kaufmann hatte sich zwar für die linke Seite ein entsprechendes Gebäude vorgestellt. Da es dafür 1910 aber noch keine konkreten Pläne gab, wählte Kaufmann für seine perspektivischen Zeichnungen den Blick bewusst so, dass die linke Seite ausgespart blieb. Im Lageplan wurde für das linke Gebäude nur „zur Disposition“ angegeben. Verwirklicht wurde der das Plätzchen linkerhand rahmende Gebäude aber nicht. Nur ein Zierbrunnen mit geschwungener Rückwand, der Ludwig-Krüder-Brunnen, wurde 1914 aufgestellt.


Der Zuschauerraum des Theaters Bremerhaven im Originalzustand

Foto: Berliner Architekturwelt 1911


Eröffnung des Stadttheaters

Für den Betrieb des Stadttheaters gewann die Stadt Gustav Burchard, der bisher am Stadttheater Bremen tätig war. Er trat als Pächter und Oberregisseur auf. Die feierliche Eröffnung des Theaters erfolgte am 1. Oktober 1911 mit William Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ mit der Musik von Felix Mendelssohn Bartholdy. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, zum 1. Mai 1919, übernahm die Stadt das Theater in Eigenregie. Burchard blieb als Intendant. Im Dritten Reich wurde der erst 1931 eingesetzte Intendant Adolph Rampelmann bereits 1933 entlassen.


Auch wenn das Stadttheater äußerlich so wirkt, als habe es den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, erlitt es doch wie die gesamte Innenstadt Bremerhavens schwere Schäden. Ein Luftangriff am 18. September 1944 ließ das Theater gegen Ende des Kriegs zur Ruine werden. Neben den Fundamenten und Untergeschossen blieb nur die Fassade erhalten. Zuschauerraum und Bühne waren völlig zerstört. Als Interimspielsstätte diente ab Oktober 1945 das Bürgerhaus im Stadtteil Lehe. 


Rückseite des Theaters Bremerhaven, Zeichnung Oskar Kaufmanns

Foto: Berliner Architekturwelt 1911


Der Wiederaufbau des Stadttheaters

Für den Wiederaufbau des Theaters setzte sich die Gesellschaft zur Förderung des Wiederaufbau des Bremerhavener Stadttheaters e. V. ein. Eine Theaterlotterie brachte fast 300.000 DM ein. 1950 bis 1952 erfolgte der Wiederaufbau des Stadttheaters. Die Fassade wurde erhalten, die Innenräume aber im Stil der 1950er-Jahre neu gestaltet. Am 12. April 1952 wurde das wiederaufgebaute Stadttheater mit einer geschlossenen Festaufführung von Mozarts Oper „Don Giovanni“ eröffnet. Dem Theaterwiederaufbau fiel der Ludwig-Krüder-Brunnen zum Opfer, der allerdings 1998 rekonstruiert wurde. In den 1990er-Jahren drohte dem Theater die Schließung wegen Baufälligkeit. Ab 1997 erfolgte eine umfassende Sanierung des Gebäudes. Am 25. Dezember 2000 wurde das Stadttheater wiedereröffnet. 



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