Ausstellung: „Gábor Záborszky, auf der Suche nach der Mitte“ in Stuttgart – 2020

Die Archäologie des Bildes 

– Der ungarische Künstler Gábor Záborszky zeigt seine Bilder in der Galerie Dengler und Dengler in Stuttgart – 

von Klaus J. Loderer 


Die Bilder des ungarischen Künstlers Gábor Záborszky scheinen uns etwas zu erzählen. Und doch sind sie völlig abstrakt. Sie scheinen uns in die Tiefe der Geschichte blicken zu lassen und sind doch ganz neu. In einer Reihe querformatiger Bilder variiert Záborszky das Thema eines Quadrats im Rechteck. Dunkel sind die Farbtöne, fast schwarz mit erdigem Auftrag. Der Braunton könnte auch Rost sein. Dick aufgetragen ist der Untergrund, der die Bildreihe fast wie Reliefs wirken lässt. Sándor Radnóti schrieb 2016 treffend, Zaborszky arbeite, »als würde er seine Gemälde mit den Augen und den Händen eines Bildhauers schaffen«.


Blick in die Ausstellung in der Galerie Dengler und Dengler in Stuttgart: im Hintergrund ist das Bild »Nyuszi ül a fűben« (Der Hase sitzt im Gras), 2018, zu sehen

Foto: kjl


Man kann darin auch archäologische Spuren sehen und die Bilder als in einer alten Fabrikhalle herausgelöstes Stück Fußboden sehen mit den Arbeits- und Materialspuren der Jahrzehnte – ein Stück groben Estrichs mit rostigen Ablagerungen. Im Bild »Széteset világ« (Zerfallene Welt, 2011) könnte auf diesem Stück Boden eine Maschine gestanden haben, zumindest wähnt man Spuren davon zu erkennen. Ein dunkel angedeuteter Kreis mit Diagonalen ist in das fast schwarze Quadrat gesetzt. Hell glänzende silberne Spritzer stechen vor dem dunklen Hintergrund hervor. Mit schnellen Strichen sind die Diagonalen in Silberton flüchtig nachgezogen. Sie treffen sich in der Mitte zu einem Kreuz. Bei diesem Bild lenkt Záborszky unseren Blick in die Mitte. Die Ausstellung trägt bewussst den Titel »Auf der Suche nach der Mitte«.


Gábor Záborszky: »Széteset világ« (Zerfallene Welt) 2011

Foto: kjl

 

Die Ausstellung widmet die Galerie Dengler und Dengler, die regelmäßige Werke ungarischer Künstler zeigt, dem siebzigsten Geburtstag von Gábor Záborszky. 1950 in Budapest geboren und Absolvent der ungarischen Akademie der bildenden Künste, war er von 1980 bis 2015 Professor an der Hochschule für angewandte Kunst in Budapest. In Ungarn ist er ein bekannter Künstler. Im Ausland konnte er erstmals 1980 Werke zeigen, damals im ungarischen Pavillon der Biennale in Venedig.


In »Szomorú kép« (Trauriges Bild, 2017) deutet Záborszky auf dem nun flächiger braunen Untergrund mit zwei kurzen Pinselstrichen die nach rechts steigende Diagonale an, doch bricht er aus der strengen Geometrie aus, indem das Kreuz eben nicht in der Mitte sitzt. Fast scheint es so, als würde der streng gerade Strich den flott geschwungen Pinselstrich darunter korrigieren wollen. Wieder kontrastiert silbern glänzendes Metall mit den erdigen und grauen Tönen des Bildgrunds. Einfach nur ein braunes Quadrat auf dunkelgrauem Grund findet man bezeichnenderweise »Kezödö geometria« (Beginnende Geometrie, 2010) genannten Bild. Nur ein Metallspritzer zieht hier unseren Blick an.


Was bei Záborszky gar nicht mehr erkennbar ist, das ist die Leinwand. Sie ist nicht einfach grundiert, sie ist mit dick aufgetragenen Massen so stark überformt, dass die Bilder in ihrer Begrenzung unregelmäßig werden. Geschickt sind die schmalen Holzrahmen so angebracht, dass eine Schattenfuge entsteht. So sind die Bilder gerahmt aber unser Blick ist nicht beschnitten. Und wieder kommt eine Art Geschichtlichkeit dazu. Die Bilder erinnern etwas an von der Wand abgenommene und im Museum ausgestellte Fresken, bei denen man durch die entstandene räumliche Nähe zum Betrachter von diesem die Oberfläche des Putzes sichtbar wird. Záborszky lässt seine Bilder so wirken, als wären sie auf einen groben Putz gemalt.


Bei einer Reihe hochformatiger Bilder spielt Záborszky mit horizontalen Teilungen. Bei diesen Bildern geht er freier mit der Geometrie um. In »Bevágó ezüst« (Einschneidendes Silber, 2017) nähern sich die Verhältnisse der drei Bildsteifen dem goldenen Schnitt. Der Titel weist darauf hin, dass zwischen zwei dunklen Flächen eine hellgraue Fläche eingeschoben ist. Wie bei allen Bildern dieser Reihe sind unregelmäßig Metallkleckse dick aufgetragen. Im »Színváltós kép« (Bild mit Farbechsel, 2017) sind diese auf dem schwarzen Grund silbern und auf dem dunkelgrauen Grund golden. Die Kanten der Grundflächen ziehen sich auch durch die Metallkleckse durch.


Diese dick aufgetragenen Metallspritzer und -striche sind typische Elemente der Bilder Gábor Záborszkys. Sie stechen durch ihre Helligkeit vom dunklen Bild hervor und haben glatt-metallisch eine völlig andere Oberfläche als das raue Material des restlichen Bilds. Záborszky spielt gerne mit der unterschiedlichen Haptik der Oberflächen. Für die Metallkleckse, die sich seit einigen Jahren als gemeinsames Thema durch seine Bilder ziehen, ließ sich Záborszky durch Jackson Pollock inspirieren, indem er die Spritzer, Kleckse und Farbfäden ins Riesenhafte vergrößerte. Was bei Pollock ein unentwirrbares Netz war, löste Záborszky auseinander und setzte die Einzelteile als Solitäre effektvoll auf die Bilder.  


Die Ausstellung zeigt noch eine weitere Werkgruppe, die schon durch ihre leuchtende Farbigkeit von den bisher besprochenen Arbeiten hervorsticht. Bei diesen Bildern bilden großformatige Fotos den Bildgrund. Ein Beispiel ist das große Querformat »Nyuszi ül a fűben« (Der Hase sitzt im Gras, 2018). Das großformtige Foto zeigt eine Wiese. Die unten quer über das Bild verlaufende schwarze Schrift mit dem Text des Kinderreims bzw. Kinderlieds ist allerdings nicht mehr zu lesen, weil goldene Pinselstriche wie kryptische Zeichen darübergesetzt sind. Wie in manchen Bildern sind die silbernen Striche mit goldenen übermalt. Fast wie Feuer lodert diese Reihe und bedroht die Idylle. Blickfänger dieses Bilds ist eine afrikanische Holzmaske, die ungefährt in der Mitte platziert ist. Ähnlich geht Záborszky im Bild »Hanumán« vor, in dem er eine Maske des hinduistischen Affengottes Hanuman aus dem Umfeld von Rama vor dem Foto einer verdorrten Wiese anbringt, über die weiße Silhouetten einer Rotwildherde springen.


Gábor Záborszky: »B. Gy. képe« (Gy. Bs. Bild) 2019

Foto: kjl


Ein Thema, das sich seit vielen Jahren durch das Schaffen Záborszkys zieht, ist die Arbeit mit selbstgeschöpftem Papier. Dick und grob ist dieses Papier. Die großen Bögen faltet er »wie einen Strudelteig« (Steffen Dengler) und klappt sie seitlich und oben ein. Bei »Remény« (Hoffnung, 2019) sieht man unverändert die weiße Papierstruktur. Bei »B. Gy. képe« (Gy. Bs. Bild, 2019) faltet er den Papierbogen fast ganz zusammen. Unten bleibt ein Stück der Oberseite sichtbar. Sie ist vergoldet. Wieder gibt es das Spiel mit den Oberflächen, den Kontrast zwischen dem harten Metall und dem weichen Papier.


Gábor Záborszky: »Az anyag fekete lelke« (Die schwarze Seele der Materie) 2014)

Foto: kjl


Das größte Bild der Ausstellung ist »Az anyag fekete lelke« (Die schwarze Seele der Materie, 2014), ein Querformat in dem Maßen 160 auf 200 Zentimeter. Wieder findet man einen groben Materialauftrag. Ist der Bildgrund an den Rändern noch relativ glatt, so bricht das Bild in der Mitte regelrecht auf. Zwischen den vielen Grau- und Schwarztönen meint man in Spalten einer dunklen Tiefe schauen zu können. Im großen Rechteck erkennt man einen Kreis, der je nach Lichteinfall als hervortretende Halbkugel – Steffen Dengler assoziiert im Katalog einen Globus – oder als halbrunde Vertiefung wirken kann. Diese Kreisform wirkt an den Rändern brüchig. Die strenge Geometrie führt Záborszky bewusst nicht akkurat aus, sondern lässt die Rundform ausfransen. Vier kurze silberne Striche markieren die Mitten der vier Bildränder. Von diesen ausgehend ist eine Teile des Bilds in vier Quadranten angedeutet. Auf den Rand des Kreises sind vier weitere silberne Markierungen aufgesetzt, die aber nicht der Achtelung des Kreises entsprechen sondern die Schnittpunkte der Bilddiagonalen mit dem Kreis darstellen. Mit der strapazierten und wieder sehr alt wirkenden Oberfläche wirkt auch dieses Bild wie ein Zeuge der Vergänglichkeit des Technischen, wie ein Artefakt der Industriearchäolodie. Oder ist das ein magischer Kreis, wie ihn Doktor Faustus zieht, um des Pudels Kern zu enthüllen. Auch Steffen Dengler hatte wohl einen solchen Eindruck, wenn er im Katalog schreibt: »Der sich aus dem Schwarz herauslösende Kreis mit den silbernen Striche erzeugt eine Atmosphäre von Zauberei oder Alchemie.«

 

Ausstellung

Gábor Záborszky

Auf der Suche nach der Mitte

14. September bis 6. November 2020

Dengler und Dengler, Galerie für schöne Künste

Rosenbergstr. 102A

Stuttgart

 

 

 


 



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