Operettenkritik: Paul Abrahams „Die Blume von Hawaii“ – Theater Hildesheim – 2018

Skandal im Filmpalast Hawaii 

– Tamara Heimbrock inszeniert Paul Abrahams „Die Blume von Hawaii“ am Theater für Niedersachsen in Hildesheim – 

von Klaus J. Loderer

Weder in Honolulu noch in Monte Carlo spielt „Die Blume vom Hawaii“ am Theater für Niedersachsen in Hildesheim, die als Wiederaufnahme in der neuen Spielzeit zu sehen ist. Die kurzweilige Inszenierung von Tamara Heimbrock lässt uns über den exakten Ort im Unklaren. Das ist aber gar nicht so wichtig. Das Bühnenbild von Julie Weideli entfaltet vor allem im zweiten Akt seine Wirkung, wenn wir den neu eröffneten Filmpalast Hawaii von innen sehen.  Das waren also die verschlossenen Glastüren des ersten Akts, vor denen sich zufälligerweise allerhand Leute treffen. Da kommt Charleys Tante mit Marlene Dietrich im Damensmoking angeradelt. Nein, dieses Paar in gewechselten Geschlechterrollen ist der Jazzsänger Jim Boy, der Prinzessin Laya als Schlagerstar Suzanne Provence nach Hawaii einschleust. Und Rudolph Valentino wird von Groupies umlagert. Ach nein, der Latin-Lover in Lederjacke ist Prinz Lilo-Taro, der eigentliche Verlobte von Prinzessin Laya. Und dann wird die Comicfigur Corto Maltese als Kapitän Stone lebendig, in den sich Laya auf der Schiffsüberfahrt verliebt hat. Es marschiert noch ein Herr im Nadelstreifenanzug herum, der eigentlich US-amerikanischer Gouverneur im frisch besetzten Hawaii ist, Cocktails süffelnd mit seiner Nichte Bessie Worthington, die den Prinzen Taro heiraten soll. Um diese wiederum scharwenzelt John Buffy herum. All diese treffen sich also auf der Straße vor einem geschlossenen Kino, das Kaluna in der Tarnung eines Obdachlosen als Königspalast von Hawaii vorstellt. Einen Anklang an die Besetzung Hawaiis durch die USA bildet das Geplänkel des Chors mit einem Bären und einem Drachen. 

„Die Blume von Hawaii“: Meike Hartmann als Laya, Ziad Nehme als Lilo-Taro, Levente György als Kaluna
Foto: Falk von Traubenberg

Im zweiten Akt finden wir uns zur Eröffnungsgala im Foyer des Filmpalastes Hawaii wieder. Nett ist die Idee, dass John Buffy ob seines Liebestranks nun von Männlein wie Weiblein angeschmachtet wird. Ob es wirklich passt, dass ein Transvestit Raka hinter der Zimmerpalme vernascht, mag einmal dahingestellt sein. Die Party geht allerdings im Desaster unter. Wobei man sich fragt, was die Geschichte um den Verzicht von Laya auf den Königsthron mit dem Kino zu tun hat. Das muss man dann als Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern sehen. Julie Weideli hat die Szene mit schönen Kostümen ausgestattet und gibt ihr mondänen Glanz.

Aus dem Kino ist im dritten Akt die Bar Monte Carlo geworden. Von der eigentlich laut Libretto chinesischen Bar ist hier nur die Winkekatze geblieben, die den Mechanismus verbirgt, mit dem man die Separées sichtbar machen kann. Hier finden sich alle Beteiligten wieder ein. Aus Kulano wird der Maitre Perroquet. John Buffy bringt schließlich die Paare zusammen und bekommt seine Bessie – Happy End für vier Paare.

„Die Blume von Hawaii“: Meike Hartmann als Suzanne Provence, im Hintergrund Levente György als Perroquet und Jesper Mikkelsen als Gouverneur
Foto: Falk von Traubenberg

Die Hildesheimer Produktion lebt vor allem durch den schauspielerischen, gesanglichen und tänzerischen Einsatz des Ensembles. Allen voran Meike Hartmann in der Doppelrolle als Laya und Suzanne Provence: elegant und mit schönem Sopran als Laya und leicht frivol als Suzanne. Ziad Nehme mimt den Latin-Lover und singt mit feinem Tenor den Prinzen Lilo-Taro. Sehr stimmungsvoll seine Interpretation von „Ein Paradies am Meeresstrand“. Mit stimmgewaltigem Bariton hört man Peter Kubik als Stone. Neu besetzt als witziger John Buffy ist in der Wiederaufnahme der Tenor Julian Rohde. Neele Kramer macht eine wunderbare Karrikatur der amerikanischen Erbin Bessie. Auch die Musiknummern des Mezzosoprans erfreuen.

Katharina Schutza spielt eine quirlige Raka. Auffälligste Rollengestaltung ist natürlich der Baß Peter Frank als überzogener Transvestit Jim Boy (in der Premiere Uwe Tobias Hieronimi). Zu den bemerkenswertesten Nummern dieser Operette gehört „Ich bin nur ein Jonny“ mit einer deutlichen Anaylse der Rassenvorurteile. Dass die Rolle eigentlich einen Schwarzen zeigt, wird in Hildesheim dadurch verdeutlicht, dass sich Frank das Gesicht schwarz malt. Jesper Mikkelsen spielt den Gouverneur Harrison. Akzentuiert gestaltet Levente György den Hawaiianer Kaluna und den Maitre Perroquet. Ein witziges Buffopaar sind Harald Strawe und Atsushi Okumura als Offiziere.

Das Theater Hildesheim trägt mit der Aufführung dieser Operette erfreulicherweise zum Paul-Abraham-Revival bei. Generalmusikdirektor Florian Ziemen verwendet dazu die neueste Fassung der bühnenpraktischen Rekonstruktion der Musik durch die Musikwissenschaftler Henning Hagedorn und Matthias Grimminger. Diese hat nun einen wesentlich flotteren, nicht mehr so süßlichen Klang als etwa die Verfilmung. Das ist auch in der von Achim Falkenhausen munter dirigierten Wiederaufnahme mit dem flott aufgestellten Orchester des Theaters für Niedersachsen zu hören. Obwohl ich „Die Blume von Hawaii“ in letzter Zeit einige Male gesehen habe, bin ich doch wieder überrascht über den anderen Sound vieler Musiknummern, eine Fassung, die mir allerdings ausgesprochen gut gefällt. Falkenhausen hat auch den durch den Jugendchor ergänzten Theaterchor gut einstudiert. Von Jaume Costa i Guerrero stammen die Choreographien für die zahlreichen Tanznummern für Solisten und Chor. Großer Beifall beim Publikum. Dass man die Produktion ohne elektronische Verstärkung gemacht hat, ist übrigens sehr erfreulich. Der Originalklang ist einfach schöner.

Besuchte Vorstellung: Wiederaufnahme 14. Oktober 2018
(Premiere 5. Mai 2018)
Theater Hildesheim, Großes Haus




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