Opernkritik: Wagners „Walküre“ – Theater Chemnitz – 2018

Theater Chemnitz will die weibliche Sicht auf den „Ring“ zeigen, doch die Walküren-Regisseurin weiß nicht, was das sein soll 

Aris Agiris und Monika Bohinec retten als Wotan und Fricka die „Walküre“ am Theater Chemnitz 

von Matthias Woehl

Wagners „Ring des Nibelungen“ einmal  aus weiblicher Sicht beleuchtet, im Grunde eine interessante Idee, die so manchen spannenden Aspekt  hervorbringen könnte.  Das Theater in Chemnitz beauftragt vier verschiedene Regisseurinnen mit der Deutung  jeweils eines Teils, und für die Walküre wurde Monique Wagemakers engagiert. 

„Walküre“ in Chemnitz: Monika Bohinec (Fricka) und Aris Argiris (Wotan) 
Foto: Kirsten Nijhof

Doch schon bei der Lektüre des Programmheftes fragt man sich, ob das eine gute Wahl war. Hier lässt man die Regisseurin selbst zu Wort kommen. Im Interview mit dem Dramaturgen Lucas Reuter  erfahren wir, dass Frau Regisseurin überhaupt nicht weiß, was eine weibliche Sicht auf das Stück sein soll. Aufgrund dieser Selbsterkenntnis hätte sie den Auftrag besser gleich abgegeben bzw. hätte man ihr die Regie eigentlich sofort entziehen sollen.  Statt dessen redet sie sich im Interview um Kopf und Kragen, und man stellt schnell fest, dass sie anscheinend den Text nicht gelesen hat, und wenn doch ihn jedenfalls nicht verstanden hat.  Ich erlaube mir ein Beispiel aufzuführen. Frau Wagemakers behauptet, dass die familiären Beziehungen zu Siegmund, Sieglinde und Brünnhilde durch ihren Vater Wotan zerstört werden. Missbrauch und Vernichtung  geschehen, weil er seine Kinder rücksichtslos als Werkzeuge einsetzt. Das, Frau Regisseurin, ist nicht ganz richtig. Wotan setzt seine Kinder durchaus als Werkzeuge ein, aber vernichtet werden sie auf Anweisung einer Frau, nämlich seiner Frau Fricka. Diese wird nicht damit fertig, dass Wotan mit diversen anderen Frauen Kinder hat, nur keine mit ihr. Sie opfert die Kinder! Bei ihr wird aber nicht einmal, wie bei Wotan, aus Machterhalt oder wegen des Goldes (Geldes) gehandelt, sondern ausschließlich aus niederen Beweggründen, nämlich dass sie als gehörnte, gedemütigte Frau dasteht, sie, die Hüterin der Ehe und der Ehre. Da hätten wir bereits einen Ansatz zur „weiblichen Sicht“ des Stückes, aber eine Frauen-kritische-Sicht konnte oder wollte Frau Wagemakers wohl nicht sehen.  Wohl aus der Not heraus versteift sie sich im Interview auf das einzige, was  Frauen im Geschlechterkampf gegen den Mann immer zu äußern pflegen. Zu Liebe ist der Mann nicht fähig, er interessiert sich ausschließlich dafür, seine Ziele zu erreichen (ja was denn sonst?), benutzt dafür  Gewalt, und natürlich missbraucht er andere Menschen, das übliche Geschwätz über Männer eben. Zur Krönung erklärt noch der Dramaturg, dass Wotan trotz seiner Liebe zu Brünnhilde, nicht von ihrer Bestrafung absehen kann. Liest man den Text  der Oper, erfährt man aber, dass Fricka das ausdrücklich erwartet, und dass Wotan gerade wegen der Liebe zu Brünnhilde so handelt. Er selbst wünscht sich nichts mehr, als dass das Gott-sein endlich ein Ende habe. In Wagners Text erfährt man, wie sehr er darunter leidet, das er seine Lieblingstochter, die so ganz anders ist als die anderen Frauen des Stücks (vielleicht deswegen seine Lieblingstochter?), künftig  nicht mehr an seiner Seite haben kann. Doch er möchte ihr eben ein freies Leben ermöglichen, und schickt sie fort. Sie ist es selbst, die ihren Vater bittet, ein Feuer um sie lodern zu lassen, dass nicht jeder dahergelaufene Kerl sie freien kann,  sondern nur ein würdiger Held. Er erfüllt seiner Lieblingstochter übrigens diesen Wunsch und entsprechend singt er „Denn einer nur freie die Braut, der freier als ich, der Gott“. Wotan ist weniger selbstherrlich als Frau Wagemakers ihm unterstellt, er weiß schon, was er da angerichtet hat, ist Marionette seiner eigenen Intrigen, reflektiert das sehr wohl, nur kommt ihm eine Frau gehörig in die Quere. Ohne Fricka würden Siegmund und Sieglinde überlebt haben.  

Da Frau Wagemakers ja nichts zum Grundgedanken dieses Rings eingefallen ist, bedient sie sich einem Modethemas der heutigen Zeit: Traumatisierung. Das erklärt sich aber auch nur nach der Lektüre des Programmheftes, denn das auf der Bühne verständlich zu machen,  gelingt ihr nicht. Siegmund und Sieglinde sind traumatisierte Kinder, und dazu stellt sie zwei Kinder händchenhaltend auf die Bühne (man könnte sich aber ebenfalls in einer Hänsel-und-Gretel-Inszenierung befinden), und blendet deren Gesichter manchmal auf einem Prospekt ein. Ansonsten ist eine Inszenierung oder gar eine Deutung, nicht auszumachen. Optisch beeindruckt ein Gewölbe, entworfen von Claudia Weinhart, das man aufregender hätte bespielen, aber vor allem etwas effektvoller ausleuchten können. 

Doch Gott sei Dank gibt es ja noch die Musik. Dirigent Guillermo Garcias Calvo dirigiert einen flotten Wagner, bei dem auch klar wird, dass es sich um eine Oper handelt und nicht um eine heilige Kuh. Durch das heutzutage übliche langsame Tempo gehen manche schöne Passagen meist völlig unter. Das ganze versuppt oft, und sängerfreundlich ist es ebenfalls nicht, denn diese verbrauchen bei dem ganzen Geschleppe nur unnötig Atem, den sie für ihre nicht gerade kleinen Partien auch brauchen könnten. Ganz anders in Chemnitz, da ist Feuer in dieser so leidenschaftlichen Musik, die sich wundervoll aufbäumt, aber genauso versteht Herr Calvo es, das Orchester in den nötigen Stellen geschmackvoll zu zügeln. 

Gesungen wird auf sehr unterschiedlichem Niveau. Christiane Kohl verfügt über eine sehr schöne Stimme, und singt eigentlich eine anständige Sieglinde. Besonders gut gerät ihr „Hehrstes Wunder“, aber ich habe selten eine, stimmlich als auch darstellerisch, so ausdruckslose, überaus langweilige Interpretation auf einer Bühne erlebt. Ihr zur Seite Zoltán Nyári als Siegmund. Mag sein, dass er über einen herrlichen Tenor mit schöner Höhe verfügt, aber es fehlt jegliches Legato, und man versteht selbst beim Mitlesen der Übertitel kein einziges Wort. Großartig hingegen Magnus Piontek als Hunding. Hier steht plötzlich stimmliche Power auf der Bühne, ausdrucksstark, wortverständlich, einfach herrlich anzuhören. Auch darstellerisch versteht er den eifersüchtigen Ehemann auf der Bühne glaubwürdig zu interpretieren. Doch das alleine rettet den einschläfernden ersten Akt szenisch nicht. Und dann passiert es.

Zu Beginn des zweiten Aktes ist man plötzlich wach. Aris Argiris schreitet als Wotan auf die Bühne. Plötzlich ist Spannung da, es gibt etwas zu schauen, und auch zu hören. Aris Argiris ist der geborene Sängerdarsteller, und ein Beweis dafür, dass man beides auf der Bühne nicht voneinander trennen kann, um eine Rolle wirklich glaubwürdig zu interpretieren. Er singt mit absolut sicher geführter Stimme die herrlichen Forte-Passagen, als ob es das leichteste auf der Welt wäre, und das mit einer Wucht, die einen manchmal einfach nur staunen lässt. Er ist aber ebenfalls in der Lage, die Stimme in den eindringlichen, ruhigen Momenten  zurückzunehmen. Ihm gelingt es nicht nur stimmlich seine Rolle differenziert zu gestalten, sondern auch darstellerisch verfügt er über eine außergewöhnliche Emphase. Durch diese Mischung gelingt es ihm, den für mich sonst eigentlich eher langweiligen Monolog im zweiten Akt richtig spannend werden zu lassen, und er rührt mich mit seinem Schlussgesang am Ende der Operwirklich zu Tränen. Ihm gleich die Fricka von Monika Bohinec. Auch sie ist mit vollem Einsatz bei der Sache, und die Szene zwischen Friacka und Wotan sprüht förmlich Feuer. Sehr enttäuschend Dara Hobbs als Brünnhilde. Zu ihr passt der Spruch: wenn sie in der Höhe hätte, was ihr in der Tiefe fehlt, dann hätte sie wenigstens eine anständige Mittellage. Sie ist alles, nur keine Brünnhilde, tippt die hohen Töne höchstens einmal an, von Aussingen kann nicht die Rede sein, die nötige Tiefe, besonders bei der Todverkündung,  ist ebenfalls nicht vorhanden, und durch die dauerhafte Kraftanstrengung produziert sie oft unschöne gallige Töne. Ebenfalls enttäuschend das Walküren-Ensemble, aus dem zwar einzelne schöne Stimmen heraustönten, aber insgesamt war das eine mangelhafte Leistung. Doch alleine für den Wotan und seine Fricka hat sich die weite Anreise doch gelohnt. Danke dafür.

Besuchte Vorstellung 1. Mai 2018
(Premiere am 24.3.2018)
Theater Chemnitz

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