Filmkritik: „Maria by Callas“, ein Film von Tom Volf

Maria Callas
Foto: Fonds de Dotation

Wir basteln uns eine neue Callas – angeblich neues Material ist längst bekannt

– Vorpremiere von Tom Volfs Film „Maria by Callas“ im Programmkino  „Orfeos Erben“ in Frankfurt am Main – 

 von Matthias Woehl

Ein „angeblich“ unveröffentlichtes Interview  mit Maria Callas lockt mich ins Kino! Vorpremiere des Films „Maria by Callas“, gar ein anschließendes Interview mit dem Regisseur. Mein Blut  in Wallung. Man lechzt ja förmlich nach neuem (altem) Material.  Doch als Petra Klaus, die Moderatorin des Abends, anfing zu sprechen, hätte ich sofort wieder gehen sollen. Sie erzählte, dass der Regisseur Tom Volf einer der absoluten Callas-Spezialisten sei, seit er sie 2013 (!) das erste Mal gehört habe. Hups, dachte ich, das ist keine lange Zeit. Seitdem hat er sogar drei Bücher über die Diva veröffentlicht, und eben jetzt diesen Film herausgebracht. Zweifel kommen auf. Doch dann die wichtige Information:  Regisseur Tom Volfs hat die Haushälterin von Madame, Bruna Lupoli, und ihren Chauffeur  Ferruccio Mezzadri, die ihr ja bis zu ihrem frühen Tod treu ergeben waren, besucht,  und aus ebendieser Quelle stammt das angeblich unveröffentlichte Interview von Maria Callas.

Die Spannung steigt. Der Film startet. Gleich am Anfanfg das bisher angeblich unveröffentlichte Interview. Ich stocke. Das ist doch…, ja das ist doch…, das erste lange Interview von Maria Callas mit David Frost, das ich irgendwann in den 1980er-Jahren in Luxemburg auf Compact-Disc gekaufte habe. Diese CD war damals der Grund, mir überhaupt einen ersten Compact-Disc-Player anzuschaffen! Noch heute kann man die Box mit dem Interview, den Aufnahmen der Proben in Dallas und ein paar Arien, für 3,44 € auf Amazon bestellen. Als Film kann man es bei „House of Opera“ seit Jahrzehnten als DVD erwerben.

Also wieder nur alte Kamellen, die als Sensation vorgespielt werde. Enttäuschung macht sich breit. Der Rest des Films setzt sich aus den üblichen Filmausschnitten zusammen, die jeder kennt, der auch nur einmal eine der vielen Dokumentationen über Maria Callas gesehen hat. Überhaupt sehe ich in den zwei Stunden, die der Film dauert, nur etwa fünf Minuten Material, das ich bisher noch nie gesehen habe, und das waren die Filmschnipsel ihrer einzigen szenischen Butterfly 1955 in Dallas, einige Sekunden der Regiearbeit von Visconti, die Ankunft zum Konzert in der Stuttgarter Liederhalle 1959 und private Aufnahmen aus Amerika 1974. Das war es mit den angeblich so tollen neuen Filmszenen, wie vorher vollmundig angekündigt worden war.

Entsetzlich aber, wie man schon lange in Gänze vorhandene Interviews zerstückelt und aus einzelnen Sätzen eine neue Callas zusammenbastelt. Auf Themen, über die sie ausführlich spricht, nämlich Gesangskunst, Gesangstechnik, Darstellung etc. geht man überhaupt nicht ein. Zu ihrem Privatleben, über das sie höchstens mal einen Nebensatz spricht, bastelt man sich etwas zusammen, was weder Hand noch Fuß hat. Auch in dem besagten Interview mit David Frost spricht sie ausschließlich von Onassis als Freund, nicht als Liebhaber. Erstaunlich was man ihr versucht in den Mund zu legen.

Durch den fehlenden Kommentar muss man seinen eigenen Film aus den Bildern und Daten zusammensetzten, die man eben so kennt. Kennt man die Biografie von Frau Callas besser, dann dreht sich einem hier und da sogar der Magen um. Zum Beispiel zeigt man die Filmausschnitte ihrer Violetta in „La Traviata“ ihres Gastspiels in Lissabon. Aber man hört sie nicht. Denn es ist die Studioeinspielung einer der Arien unterlegt. Warum das, wo doch ein Live-Mitschnitt aus Lissabon existiert? Das gleiche beim für den Film so wichtigen „Rome Walk Out“ als Maria Callas die Norma-Aufführung in Rom nach dem ersten Akt abgebrochen hat. Ihr größter Skandal. Man spielt dazu eine herrliche Norma-Studio-Aufnahme, wo doch der erste Akt ebenfalls auf Tonträger vorliegt. Und da hört man deutlich, dass sie angeschlagen war, dass der Abbruch keine Caprice sondern gesundheitlich begründet war. Gerade da, wo der sensible Filmemacher Partei für seine Diva ergreifen sollte, benutzt er das gleiche Mittel wie die dereinst auf Frau Callas eindreschende Presse. In einem Fernsehbericht über die abgebrochene Vorstellung spielt man einen Film einer Studio-Aufnahme ein, bei der Frau Callas hervorragend singt, und behauptet im Kommentar, dass es sich um eine Probe in Rom handeln würde, und dass Frau Callas da noch hervorragend gesungen habe, in der Aufführung dann nicht, und dass sie diese abgebrochen habe, weil sie nicht so „so viel Applaus wie sonst“ bekommen habe. Das ist unwahr, denn Maria Callas hatte schlicht eine Bronchitis und Fieber. Sie hat übrigens die Direktion gebeten, für einen Ersatz zu sorgen, weil sie auf Grund ihrer Erkrankung eventuell nicht durchhalten würde. „Nobody can double Callas“, zitiert sie in einem Interview die Direktion der römischen Oper. Das liegt übrigens auch als Interview auf DVD vor, und das hätte man durchaus akustisch einspielen können.

Es ist schwierig, die Darstellerin Callas zu würdigen, weil es eben kaum richtige Filmmitschnitte von Aufführungen gibt. Da muss man eben zu hören verstehen, denn keine war wie sie in der Lage, die Vorgänge allein mit der Stimme auszudrücken, auch wenn das mal scharfe und hässliche Töne bedeutete. Doch im Film die üblichen Schnipsel von Konzertmitschnitten (Debut Paris, Hamburg usw.), dazu aber der Text, was für eine tolle Darstellerin sie gewesen sein muss.
Auch ihr Privatleben wird äußerst lückenhaft dargestellt. Ihr Ehemann Meneghini hat ihr zu Anfang sehr viel bedeutet, vielleicht nicht gerade als Mann, doch als väterlicher Partner, und er hat auch enorm viel für sie und ihre Karriere getan. Ihre Beziehung mit Giuseppe di Stefano bleibt komplett unerwähnt, ausschließlich ihre Beziehung zu Aristoteles Onassis wird wie dereinst von der Klatschpresse, ausführlich behandelt.

Warum der Connaisseur trotzdem auf seine Kosten kommt, liegt an dem Bildmaterial, das man noch nie so scharf, so hochauflösend und meist nur in Schwarz-Weiss gesehen hat. Wer sich mit Maria Callas auskennt, der kommt auf seine Kosten. Wer aber noch nicht so viel von ihr weiß, der geht genauso unwissend aus dem Kino heraus, wie er hinein gegangen ist.

Erstaunlich dass man damit wirbt, dass zehn Arien ungekürzt im Film gespielt werden. Wow, zehn mal drei Minuten, das muss man anscheinend schon extra erwähnen!

Das angekündigte Interview mit dem Regisseur Tom Volf fand dann nach der Vorstellung statt. Aber nicht, dass er gar selbst anwesend war, der junge Mann wurde per Skype aus Paris auf die Leinwand projiziert. Zeit die Veranstaltung vorzeitig zu verlassen.

Was mich am meisten ärgert ist, dass das die Feuilletons so ein Machwerk in den höchsten Tönen lobt. Ja sogar im Heute-Journal berichtet Klaus Kleber vom sensationellen Fund des bisher „unveröffentlichten“ Interviews und dem darum gebastelten Film. Ich bin ja wohl nicht der einzige, der das seit über 30 Jahren im Regal stehen hat. Gibt es keine aufmerksamen Kulturjournalisten mehr, die das wissen, denen das auffällt oder die das wenigstens ordentlich recherchieren? Ausschnitte des David-Frost-Interviews kann man sogar auf Youtube ansehen. Oder liegt es daran, das gar kein Interesse an der Richtigkeit der Aussagen besteht, weil man als Rundfunkanstalt das Ganze mitfinanziert hat und das natürlich in ein bis zwei Jahren mit dem gleichen Sensationscharakter auf Arte im Fernsehen ausstrahlen möchte.

Diven sind unpopulär geworden. Es gibt sie ja heutzutage schon gar nicht mehr. Heute möchten Opernsängerinnen sein wie Nachbars Tochter, eine von uns aber das geht eben nicht. Ich glaube, dass man das Phänomen Diva gar nicht mehr versteht. Erstaunlich, dass das Publikum gerade dann gelacht hat, als Madame in großer Robe, mit Handschuhen und Hut, Pudel und Blumen im Arm an einem der Flughäfen der Welt die Gangway herunter schritt (und sie steigt im Film so manche Flugzeugtreppe hinab). Ich möchte nicht beschreiben, wie die aussahen und gekleidet waren, die mit Plastik-Mineralwasserflasche am Mund, gelacht haben. Eleganz ist ein Fremdwort geworden und wird gar als lächerlich empfunden.

Für rare Callas Aufnahmen empfehle ich die Film-CDs der Firma Divina Records und vor allem das akustische Portrait „Callas in her own Words“ von John Ardoin, dem Callas-Biograph, der sie persönlich auch gut kannte, und aus vielen Interviews eine hervorragende akustische Biografie zusammengestellt hat. Von ihm gibt es noch Material, das wirklich unveröffentlicht ist. Nach dem berühmten Interview 1968 in Dallas lässt er das Band weiter laufen und da legt sie, allen Berichten nach, so richtig los. Wenige Minuten sind auf der CD „Callas in her own Words“ vorhanden, und diese werden tatsächlich auch in „Maria by Callas“ gespielt. Wie sagt sie da: „One more cigarette, and you drive me home, please“. Auf Knien würde ich nach Lourdes kriechen, um das einmal in Gänze zu hören!

Im Kino ab 17. Mai 2018


Callas by Callas
A Film by Tom Volf
Frankreich 2017
MK2 Films
113 Minuten

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