Buchbesprechung: Teatro Nacional de São Carlos, das Opernhaus von Lissabon

Das Opernhaus von Lissabon 

– Ein Buch über das Teatro São Carlos – 

von Klaus J. Loderer

Das Teatro São Carlos liegt versteckt in der Oberstadt von Lissabon. Man muss durch enge Gassen oder über Treppen den Berg hinaufsteigen oder man kurvt mit einer der altertümlich-charmanten Straßenbahnen hinauf. Oder man gelangt von der tief unter dem Berg fahrenden Metro über ein unendlich lang scheinendes Treppen- und Rolltreppensystem hinauf. Dann ist man mitten drin im charmanten Viertel Chiado. Immer wieder sieht man durch die schnurgerade verlaufenden engen Straßen auf den Tejo. Einige Theater kann man in der Oberstadt entdecken, das Teatro da Trindade, in dem auch einmal Opern gegeben wurde, das Teatro São Luiz und das Teatro Nacional de São Carlos. In diesem Theater spielt seit dem Ende des 18. Jahrhundert die Oper von Lissabon, seit beim großen Erdbeben das königliche Opernhaus am Tejo zerstört wurde.

Schlicht ist das Teatro São Carlos äußerlich. Nur die Hauptfassade besitzt mit dem mit Halbsäulen geschmückten und erhöhten Mittelrisalit eine repräsentative Wirkung. Eine Unterfahrt bot früher die Möglichkeit mit der Kutsche vorzufahren. Ungewöhnlich schmiegt sich das Theater an den Hang an. So kann man auf der rechten Seite vom ersten und zweiten Logenrang direkt auf die Straße gelangen. Von der Straße führt auch ein direkter Eingang zur königlichen Loge, die ungewöhnlich monumental als halbrunde Säulenhalle gleich die Höhe dreier Logenränge okkupiert.

Mit der Geschichte und Architektur dieses Opernhauses befasst sich ein schwergewichtiges Buch mit vierhundert Seiten, das João Mascarenhas-Mateus und Carlos Vargas herausgegeben haben und das Aufsätze zahlreicher Autoren umfasst. Zuvorderst dokumentiert der Band das Theater in zahlreichen Farbfotos, vor allem den üppigen Zuschauerraum mit seinen dekorativen Details. Die Entstehung des Baus 1792 und den Architekten José da Costa e Silva (von dem auch die Basílica da Estrela, Loretokirche, das Hospital de Runa und der Ajuda-Palast entworfen wurden) bereitet José de Monterroso Teixeira auf. Raquel Henriques da Silva stellt das Theater im Umfeld des Chiado dar. Luís Soares Carneiro ordnet das Teatro São Carlos in Tyus des italienischen Logentheaters ein. Man erkennt am historischen Planmaterial schnell die Bezüge zur Mailänder Scala etwa in der Anordnung der Treppen. Diese wurden in den 1930er-Jahren durch großzügiger wirkende Treppen ersetzt. Die Grundform des Zuschauerraums basiert aber nicht auf einem Hufeisen sondern auf einem Oval, wodurch vielleicht eher das Theater in Turin, das eine ähnlich großzügige Mittelloge besaß, einen Einfluss gehabt haben kann. Die Dekorationen der Innenräume stellt António Sèrgio Rosa de Carvalho vor. Auch hier präsentieren sich viele Räume in der Neugestaltung der 1930er-Jahre. Pedro Fidalgo analysiert die Hauptfassade mit Proportionsstudien. Daniel E. Commins untersucht die Akustik. Am Schluss des Bands findet man noch Planmaterial der Bauaufnahme von João Sá Vieira.

So ist ein üppiger Materialband entstanden, der viele Informationen zum Gebäude liefert. Für den nicht der portugiesischen Sprache mächtigen Betrachter ist das Bildmaterial interessant, das in seiner Mischung aktueller Fotos, historischem Bildmaterial, Zeichnungen und historischen Stichen anschaulich das Theater vorstellt.

São Carlos

Um teatro de opera para Lisboa
Património e arquitetura do Teatro Nacional de São Carlos
1793 – 2013

João Mascarenhas-Mateus, Carlos Vargas (eds.)

Teatro Nacional de São Carlos
INCM Lisboa 2014
ISBN 978-972-27-2263-6
399 S., zahlr. Ill.

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