Wagners „Der fliegende Holländer“ im Staatstheater Wiesbaden – 2018

Ich möchte nicht dauernd meckern 

Wagners „Der fliegende Holländer“ im Staatstheater Wiesbaden 

von Matthias Woehl

Ich gehe doch nicht in die Oper, um mich aufzuregen, ich möchte auch nicht dauernd die schlechte Qualität einer Aufführung bemängeln, auch ich möchte mich amüsieren, auf- oder angeregt werden, gute Musik genießen und von hervorragenden Gesangsdarbietungen schwärmen, eine besondere intelligente Deutung verstehen, einmal wieder heiser sein vom Bravorufen. Aber warum ist das nicht mehr möglich? Bin ich zu abgeklärt nach 45 Jahren, die ich das Musiktheater nun besuche? Erwarte ich zu viel? Oder liegt es dann am Ende doch daran, das dass, was mit vorgegaukelt wird, nicht mehr der Qualität entspricht, die ich einfach gewöhnt war?

„Der fliegende Holländer“, Staatstheater WiesbadenFoto: Lena Obst

Ich überprüfe mich am Staatstheater Wiesbaden. Ich sehe eine Repertoirevorstellung des „Fliegenden Holländers“ in der Inszenierung von Michiel Dijkema. Was wird mir da gezeigt? Ein bewegliches Bühnenteil, das je nach Szene zurechtgerückt werden kann, man dreht, man zeigt Filme von tosenden Wellen auf der Videowand, man hat gar ein großes Schiff, das weit in den Zuschauerraum hinaus schießt (ein wahrlich beeindruckender Effekt). Auch die Finalszene ist gut inszeniert, denn Senta klettert auf jenem Gerüst nach oben um sich zu töten, Erik hinter ihr her, um sie davon abzuhalten. Nach einem Kampf springt sie, was wiederum als Film eingespielt wird. Viel Aufwand, viel Effekt, aber: macht das eine gute Inszenierung aus? Warum wirkt alles so unglaubwürdig?

Zum einen fehlt Atmosphäre. Was könnte man mit einer guten Lichtregie nicht alles für phantastische Bilder zaubern! In diesem fliegenden Holländer aber wird alles mit einer Einheits-Bierzelt-Beleuchtung angestrahlt. Des Weiteren fehlt es an überzeugender Personenregie. Man stolziert (oder rennt) herein, klettert etwas auf dem Gerüst herum, singt, und geht wieder ab. Man setzt sich auch einmal auf einen der herumstehenden Stühle, aber einen Sinn ergibt das nicht. Die agierenden Personen haben keine Beziehung zueinander, es findet einfach nichts zwischen ihnen statt. Kann sein, dass genau das gezeigt werden soll, aber selbst diese Intension vermittelt sich nicht. Einzig der Senta kann man einen Hang zur Darstellung attestieren. Reicht das für einen beeindruckenden Opernabend?

Immerhin gibt es da ja noch die Musik, daran ergötzt man sich, wenn man nicht mehr hinsehen möchte. Doch gelangweilt und zäh dudelt es aus dem Orchestergraben hervor. Das Tempo, das Generalmusikdirektor Patrick Lange wählt, ist mehr als ermüdend. Gut geprobt scheint es auch nicht zu sein, denn man fiedelt und bläst beherzt daneben, so daneben, wie ein Großteil des Gesangsensembles singt. Allen voran Wilfried Staber als Daland. Als er zu singen beginnt, glaube ich meinen Ohren nicht zu trauen. Ich habe wirklich geglaubt, dass jetzt gleich abgebrochen wird, und Guido Kanz aus der Kulisse kommt um verlauten zu lassen, wir wären einem Witz bei „Verstehen Sie Spaß“ aufgesessen. Herr Kanz erschien nicht, und ich bekam einen Lachanfall, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass man uns das an einem Staatstheater als Gesang verkaufen möchte. Ihm gleich Aaron Cawley als Erik. Das einzige was Herrn Cawley eindrucksvoll gelingt, ist hohe Töne herauszupressen. Alles andere hat ebenfalls wenig mit singen zu tun. Auch darstellerisch sind die Herren wenig überzeugend, denn man ist so mit der Produktion von Tönen beschäftigt, dass an eine Darstellung einfach nicht mehr zu denken ist. Anders ist das bei der Partie des Holländers, gesungen von Oliver Zwarg. Hier vernimmt der aufmerksame Zuhörer auf einmal Gesang, man versteht sogar den Text, und er versteht es auch seine Partie glaubhaft zu verkörpern. Ebenfalls darstellerisch ist Vida Mikneviciute eine absolut überzeugende Senta. Sie leidet, sie quält sich, sie stellt wirklich etwas  dar, glaubwürdig, nur hat sie niemanden zum anspielen. Selbst in der Nahaufnahme im Video (immer eine schwierige Sache beim Operngesang, der einfach für die Ferne gedacht ist) ist sie sehr überzeugend. Bei ihrem Gesang wäre alles da, eine schöne Mittellage, eine beeindruckende Höhe, doch sie nervt durch ein dauerhaftes, geradezu nervtötendes Tremolo. Eine wirkliche Type, wie ich sie immer auf der Bühne vermisse, ist Romina Boscolo als Mary. Eine erstaunliche Beobachtung mache ich bei Joel Scott als Steuermann. Der junge Sänger singt seine Partie mir großer Emphase. Er macht durch einen kleinen Fehler auf sich aufmerksam. Während er von „seinem Mädel“ schwärmt bricht ihm ein hoher Ton ab. Anstatt aber einfach weiter zu singen, mach er etwas, was ich schon längst vergessen wähnte. Als der Ton bricht, reagiert er sofort, und macht aus dem kleinen Versehen eine große Show, nämlich einen Schluchzer. Schön zu sehen, dass es noch Sänger gibt, die sofort schalten und eine Situation geistesgegenwärtig nutzen und ihre Fähigkeiten so gut kennen, um eine solche Situation noch zu einer großen Show umwandeln können. Ob es doch noch Hoffnung gibt?

Besuchte Vorstellung: 14. April 2018 (Premiere am 25. Oktober 2015)
Staatstheater Wiesbaden, großes Haus

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