Opernkritik: „Echnaton“ von Philipp Glass – Oper Bonn – 2018

Verstärkter Minimalismus 

„Echnaton“, Oper von Philip Glass in der Oper Bonn 

von Matthias Woehl

Es ist schon erstaunlich! Jahrelang bemüht man sich, Inhalte von Opern ordentlich zu verdrehen oder unkenntlich zu machen. Mit Philipp Glass‘ Oper „Echnaton“ – im englischen Original „Akhnaten“ – hat man einmal ein Werk ohne herkömmlichen Handlungsfaden, bei der man seiner Phantasie einfach freien Lauf lassen könnte, doch schon dichtet man dem ganzen eine richtige Geschichte an. „Echnaton“ ist der dritte Teil einer Trilogie über Persönlichkeiten, die ihre Zeit ganz besonders geprägt und nachhaltig verändert haben. Der erste Teil „Einstein on the Beach“ ist ein Werk über den Physiker Albert Einstein, und die 1980 uraufgeführte Oper „Satyagraha“ erzählt von Mahatma Gandhi. Im Gegensatz zu vielen anderen modernen Opern ist aber die Minimal Music von Philip Glass ausgesprochen melodisch, und beim Hören entstehet durch seine sphärischen Klänge eine ganz außergewöhnliche Atmosphäre.

„Echnaton“ an der Oper Bonn: Marie(Katharina Platz), Ajeh (Martin Tzonev) 
und der Chor der Oper Bonn
Foto: Thilo Beu

Eine weitere Besonderheit ist, dass alle drei Opern keine Handlung im herkömmlichen Sinne haben. Bei „Echnaton“, dem Werk über einen ägyptischen König, setzt sich der Text aus Überlieferungen aus Pyramidengräbern und Psalmen zusammen, die von einem Erzähler rezitiert, kommentiert und vom Chor gesungen werden. Das ermöglicht einem Regisseur, seiner Phantasie völlig freien Lauf zu lassen. Die Regisseure der beiden Produktionen, die ich bisher in Straßburg und Heidelberg erleben durfte, haben diese Freiheiten auf sehr surreale und äußerst ästhetische Weise genutzt. In Bonn hat Regisseurin und Choreografin Laura Scozzi das „phantastische Werk“ in eine Rahmenhandlung eingebettet.

Der Erzähler ist der Lehrer einer unaufmerksamen und desinteressierten Schulklasse. Marie, eine der Schülerinnen, ist jedoch bei einer Filmvorführung über Echnaton von seinem in Stein gemeißelten Bildnis völlig fasziniert und beginnt sich für ihn zu interessieren. Durch das beeindruckende und bewegliche Bühnenbild von Natacha Le Guen de Kerneizon entstehen Gänge, Parallel- oder Unterwelten, in denen dann die eigentlichen Protagonisten König Echnaton, seine Mutter Königin Teje und seine Frau Nofretete erscheinen. Marie wechselt zwischen den Welten hin und her, beginnt aber immer mehr abzudriften und sich zu radikalisieren. Es könnte sich dabei sowohl um eine  Traumwelt als auch eine völlig realistische Parallelwelt wie eine Sekte oder eine politische Radikalisierung handeln. Während einer Klassenfahrt nach Ägypten ist Marie zu allem bereit. Sie ist völlig in den Untergrund gegangen, und während einer Versammlung wird sie mit einem Sprengstoffgürtel zur Selbstmordattentäterin, und reißt die um sie Herumstehenden mit in den Tod. Die Schulklasse kommt zu dem Ort des Attentates, ist entsetzt, und geläutert, verabschiedet sich dann sogar  mit Umarmung von ihrem Lehrer. Dieser Punkt aber ist dann doch eher Utopie, denn so einfach ist es nicht, junge Menschen zum Umdenken zu bewegen. Die Inszenierung ist auch an anderen Punkten arg plakativ, auch wenn das optisch sehr eindrucksvoll geschieht, wie in der Szene, in der Gotteshäuser diverser monotheistischer Religionen auf eine Mauer projiziert werden.

Die Schulklasse ist eine Tanzgruppe, die hervorragend agiert, und deren Tanz oft schon in Akrobatik übergeht. Besonders beeindruckend die Tänzerin der Marie, Phaedra Pisimisi. Der Lehrer wird großartig von Thomas Dehler dargestellt und hervorragend artikuliert gesprochen.

Ein Skandal ist aber die musikalische Seite des Abends. Die Musik von Philip Glass ist eine ausgesprochen sinnliche, mitreißende Musik. Was aus dem Orchestergraben erklingt, ist ein langsam wabernder Brei, der durch das fehlende Tempo der Musik ihre eigentliche Wirkung nimmt. Doch geradezu entsetzt bin ich, dass man tatsächlich mit Headset singt! Muss man jetzt an so kleinen Häusern wie Bonn den Gesang verstärken? Jahrzehnte, gar Jahrhunderte war man in der Lage, sogar große Häuser wie die Met, die Opera Bastille oder die Mailänder Scala ohne Mikrofon zu beschallen und in Bonn geht das jetzt nicht mehr? „Echnaton“ hat eine kleine Orchesterbesetzung. Ist die Musik zu laut, dass Solisten da nicht drüber singen können, ist der Dirigent gefragt, der dann eben seinen Klankörper zurückschrauben muss. Entschuldbar ist ein Mikrofon einzig beim Sprecher!

Benno Schachtner gibt den Echnaton, Susanne Blattert die Nofretete und Marie Heeschen Königin Teje. Einzig Frau Heeschen besticht durch eine hervorragende Höhe, und hinterlässt nachhaltigen Eindruck. Das Duett zwischen Echnaton und Nofretete wird hingegen zur akustischen Katastrophe. Dazu muss man auch noch erwähnen: es sind keine besonders anspruchsvollen Partien zu bewältigen, es handelt sich eher um Vokalisen, zudem singt kein Solist mehr als 20 Minuten. Die Hauptrolle hat in dieser Oper der Chor. Doch die Inszenierung ist durchaus sehenswert und diskussionswürdig.

Besuchte Vorstellung: 21. April 2018 (Premiere am 11. März 2018)
Oper Bonn

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