Opernkritik: Wagners "Lohengrin" – Düsseldorf – 2014
Machtkampf in marmorner Firmenzentrale
Wagners Oper »Lohengrin« an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf in einem stimmigen Bühnenbild von Dieter Richter
Das Foyer einer großen Firma oder einer Bank bietet der
Bühnenbildner Dieter Richter als Rahmen für die Neuinszenierung von Richard
Wagners Oper »Lohengrin«, die am 18. Januar an der Deutschen Oper am Rhein in
Düsseldorf Premiere hatte. Mit edlem grünen Marmor sind die Stützen des
großzügigen Runds verkleidet. Eine breite Treppe führt zu einer Empore. Ein
großes Fenster lässt im Hintergrund den Blick auf eine Großstadt frei. Bei
Wagner spielt Lohengrin in Antwerpen – hier kann es eine beliebige Großstadt
sein. Die Firmeninitiale »B« weist an der Fassade auf die Firma Brabant hin.
Bei Wagner ist es das Herzogtum Brabant, das den mittelalterlichen Rahmen für
die Handlung der Oper Lohengrin bildet – in dieser Inszenierung ist es die
Firma Brabant im hier und jetzt, in der zu Beginn ein heilloses Durcheinander
zu herrschen scheint.
Elsas Brautzug in »Lohengrin« im Bühnenbild von Dieter Richter in Düsseldorf
Foto: Hans Jörg Michel
Einen Machtkampf in einer großen Firma präsentiert uns
Regisseurin Sabine Hartmannshenn. Viele Herren in grauen Anzügen und eine Frau,
die man schnell als Ortrud erahnt, bilden das wilde Durcheinander im mit
braunem Holzfurnier verkleideten Konferenzsaal. Da scheint etwas wichtiges
stattzufinden, immerhin versuchten sogar Demonstranten von Occupy am Beginn der
Oper die Firmenzentrale zu besetzen. Aus König Heinrich – gleich am roten
Zweireiher erkennbar – wurde ein Konzernchef, der wohl nun in einer seiner
Filialen nach dem Rechten sieht. Natürlich schwebt in diese Firmenzentrale kein
Nachen mit einem Schwan herein. Zur den Lohengrin-Auftritt bombastisch
vorbereitenden Musik wird das Bühnenbild in mystisches Licht (Licht: Volker
Weinhart) getaucht, dann schaut das Publikum erwartungsvoll auf die Bühne und
der Chor schaut erwartungsvoll in den Zuschauerraum. Doch dieser Musik
verweigert sich die Regie. Und dann steht eben irgendwann auf einer Empore rechts
oben ein Kerl in Turnschuhen, Jeans und gelbem Mantel. Man schmunzelt dann
schon etwas, wenn man Chor und König singen hört, dass jener von Gott gesandt
sein soll. Man hatte in einer solchen Inszenierung natürlich keinen
Schwertkampf erwartet. Die Szene wird von der Regie aber einfach übergangen.
Lohengrin zieht sich währenddessen im Hintergrund um und präsentiert sich dann
auch im grauen Anzug, während Interimsgeschäftsführer Telramund einen Koffer
mit seiner Abfindung bekommt. Und dann wird eben Lohengrin als neuer Chef
präsentiert.
Für die Hochzeit im zweiten Aufzug hat sich
Kostümbildnerin Susana Mendoza Ascot-Stimmung ausgedacht: die Herren im Cut,
die Damen mit auffälligen Hüten, so flaniert man elegant im Bühnenbild herum,
zu dem nun eine breite Freitreppe hinaufführt.
Elsa (Manuela Uhl) und Lohengrin (Roberto Saccà) im Brautgemach
Foto: Hans Jörg Michel
Für die Verwandlung der großen Halle in ein
Schlafzimmer ist Bühnenbildner Dieter Richter im dritten Aufzug ein genialer
Kunstgriff eingefallen. Man staunt zwar zuerst über das Bett mitten in der
großen Halle, die man schon aus dem zweiten Akt kennt. Dann werden weiße
Vorhänge zugezogen und eine intime Stimmung kommt auf. Um das Honey-Moon-Bett
noch zu vervollständigen, kommt von oben noch ein Vorhang herunter, den zwei
Brautjungern so raffen, dass der Eindruck eines Himmelbetts entsteht. Immerhin
gönnt Regisseurin Sabine Hartmannshenn Lohengrin und Elsa sogar eine beginnende
körperliche Nähe – das ist man im zeitgenössischen Wagner-Theater ja gar nicht
gewohnt – aber letztendlich geht die Hochzeitsnacht dann doch schief. Elsa
stellt die verbotene Frage und dann schleicht sich auch noch Telramund
rachedürstig an. Da Lohengrin ihn mangels Schwert nicht damit erschlagen kann,
greift Elsa beherzt zur Sektflasche und zieht sie Telramund über den Kopf –
endlich mal eine moderne Idee für diese Szene. Lohengrin wechselt wieder in
seine Anfangskleidung um und geht. Wie der Machtkampf in der Firma weitergeht,
erfährt man nicht, denn der erlöste Gottfried (der Bruder Elsas – der
verwandelte Schwan) erscheint nicht. Die Banker halten nach dem neuen Chef
ebenso vergeblich Ausschau wie das Publikum. Nur der Heerrufer schnappt sich
schon mal den Geldkoffer, den Telramund seit dem ersten Akt mit sich herumtrug.
Unter den Sängern kann die Deutsche Oper am
Rhein mit einer zum Teil beachtlichen Besetzung aufwarten. Da ist natürlich an
erster Stelle der Tenor Roberto Saccà zu nennen, der mit einer wunderbaren Höhe
die Titelpartie meisterte. Mit nicht nachlassender Klarheit der Stimme
bewältigte Saccà die Partie. Hier ist natürlich besonders die Gralserzählung zu
nennen. Das Düsseldorfer Publikum nahm das beim Schlussapplaus aber eher
reserviert auf. Während Roberto Saccà mit einer erfreulichen
Textverständlichkeit aufwarten konnte, hat man bei Manuela Uhl leider kein Wort
verstanden. Auch stimmlich war sie wenig befriedigend. Alternierend singt die
Rolle übrigens die in Budapest geborene Sopranistin Sylvia Hamvasi, die seit
2001 Ensemblemitglied in Düsseldorf ist. Als Einspringerin überraschte in der
Vorstellung am 26. Januar Jennifer Maines vom Tiroler Landestheater positiv.
Nicht nur schauspielerisch bot sie überzeugend eine intrigante Ortrud, auch
stimmlich überzeugte sie in dieser Partie voller dramatischer Ausfälle ohne
schrill zu werden. Wieder einmal verkörperte Simon Neal als Friedrich von
Telramund mit dramatischem Duktus den Bösewicht.
Auch besonders erwähnenswert ist der rumänische
Bariton Bogdan Baciu, der mit mächtiger Stimme den Heerrufer gestaltete und der
Rolle noch einen intriganten Beigeschmack gab. Auch Kammersänger Hans-Peter
König konnte als König überzeugen.
Axel Kober kostete am Pult die Mächtigkeit der
Partitur mit den Düsseldorfer Symphonikern an vielen Stellen breit aus. Da
schwoll der Klang zu kräftigem Sturm auf. Um die an mehreren Stellen so
markanten Fanfaren noch zu betonen, waren sie beim Auftritt des Königs im
ersten Aufzug auf einem Balkon auf der rechten Seite der Bühne, in der
Zwischenmusik im dritten Aufzug sogar im ersten Rang des Zuschauerraums
platziert. Allerdings schien Kober bei den Tempi etwas unentschlossen und wechselhaft.
Damit hatte der ansonsten tolle Chor an einigen Stellen zu kämpfen.
Klaus J. Loderer
Besuchte Vorstellung: 26. Januar 2014
Opernhaus Düsseldorf


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