Händels Oratorium „Saul“ szenisch – Staatstheater Mainz – 2017

Politisch korrekte Penetration 

Händels „Saul“ szenisch im Staatstheater Mainz 

Viele von Händels Oratorien taugen zur szenischen Darstellung, und da ist „Saul“ keine Ausnahme. Die Machtspiele von Saul, das ungleiche Schwestern-Paar, als auch die stark homoerotische Anziehung zwischen David und Jonathan, das ist wie gemacht für die Bühne. Die amerikanische Regisseuse Lydia Steier kann aber damit nicht all zu viel anfangen. Erst sieht es einfach nur „schön“ aus, ein barockes Bühnenbild tut sich auf, aber man darf gute Regie nicht mit einem ansehnlichen Kostüm oder Bühnenbild verwechseln.

Händels Oratorium Saul szenisch in Mainz
Foto: Andreas Etter
Der Chor kommt rein, singt, setzt sich, steht wieder auf, singt, dazwischen die Protagonisten, stehend, mal herum laufend, mal zu Boden gehend, zum gähnen langweilig, wenn es nicht so schön aussähe. Doch damit ist es bald vorbei. Chor und Protagonisten entkleiden sich Stück für Stück, und auch das Bühnenbild wird (in der leisesten und schönsten Arie des Oratoriums) lautstark abgebaut. Von nun an wird gerne gestört. Der Chor bringt z.B. blaue Plastiktüten mit hinein, setzt sich auf diese, steht wieder auf, um mit dem Plastik zu rascheln (Umwelt-Kritik?). Zum Schluss sitzt der Chor in Unterwäsche auf Plastikstühlchen und trinkt aus Dosen (Gesellschaftskritik?). Bei den ungleichen Schwestern kann man nicht erkennen, wer eigentlich die Gute, und wer die Böse ist, und von der homoerotische Beziehung zwischen David und Jonathan kann man nur durch die Übertitelungsanlage erfahren. Peinlichst wird es beim Sex. David nimmt endlich die ihn so liebende Michal, doch danach wirkt diese missbraucht und traumatisiert. Komisch, was hat er denn so schreckliches mit ihr gemacht, wo er doch singt, daß ihm „die Freundschaft zu Jonathan wichtiger war als alle Frauen“? Erklärt wird uns das nicht.

Berührend allerdings ist das Leid Jonathans dargestellt, während „sein“ David im Container eine Frau „beschläft“. Doch die darauffolgende Szene mit dem Chor ist mehr als peinlich. Das Volk vergreift sich brutal am schwulen Königssohn. Das hat Frau Steier sicher lieb gemeint, der verlachte, zusammengeschlagene Jonathan, aber er wird auch von ein paar Männern zum Oral und Anal-Sex genötigt, und zwar vor dem restlichen Volk. Liebe Frau Steier: das würde so nie geschehen, das würden Männer vielleicht ja sogar tun, aber nicht vor dem Volk als Zuschauer, und vor allem: sie würden dabei ihre Unterhosen herunterziehen. Tja, wenn man so etwas macht, dann muss man auch den Mut haben es zu machen, aber dazu ist „Frau“ dann wieder zu verklemmt, oder zu „politisch korrekt“. Einiges könnte ich noch dazu sagen, andere „grobe“ Fehler auflisten, aber wozu.

Gesungen wurde ja auch noch. Bester Sänger des Abends ist Steven Ebel als Jonathan. Er singt anständig, und stellt die um seinen geliebten David besorgte Figur glaubhaft und anrührend dar. Ihm stimmlich ebenbürtig, sich über den Abend steigernd, Dorin Rahardja als Michal. Unterirdisch aber jault sich Alin Deleanu als David durch seine Partie. In der Mittellage wirkt seine Partie eher gesprochen, und die hohen Töne werden mit viel Kraft herausgebellt, unschön, ohne auch nur den Hauch eines Legatos. Heutzutage gibt es doch wirklich eine Schwemme an Counter-Tenören, wie kann so etwas an einem Staatstheater passieren? Ebenfalls falsch besetzt Derrick Ballard als Saul und Alexander Spemann als Hexe von Endor. Marie-Christine Haase singt mit hübscher Stimme und schönen Spitzentönen, nervt aber durch einen starken „Karnickelfick“. Der Tiefstpunkt aber das Kind (überhaupt schon Opern mit Kindern): vom Band eingespielt. Live hätte ich ja noch Milde walten lassen, aber wenn man es schon einspielt, dann doch bitte mit einem einigermaßen anständig singenden Knabensopran, oder gleich einem Sopran. Alle Protagonisten haben aber ein gemeinsames Problem: kein einziger hat einen anständigen „Lauf“ gesungen. Auch wieder peinlich, wir befanden uns an einem Staatstheater. Anständig aber das Philharmonische Staatsorchester Mainz unter Andreas Spering. Großer Applaus beendet einen ermüdenden Abend.

Matthias Woehl

Besuchte Vorstellung: 8. Oktober 2017

Staatstheater Mainz

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