Schrekers Oper Die Gezeichneten – Opernfestspiele Nationaltheater München – 2017

Adorno im Boxring

– Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“ bei den Opernfestspielen in München – 

von Klaus J. Loderer

Ich verließ das Nationaltheater zu München ziemlich ratlos nach der Vorstellung von Franz Schrekers Oper „Die Gezeichneten“, die kürzlich Premiere hatte. Weder musikalisch noch optisch fühlte ich mich sonderlich beglückt. Das mag vielleicht auch am Sitzplatz in der vierten Reihe des Parketts gelegen haben. Dies klingt zwar toll ist es aber nicht. Da das Parkett erst ab Reihe fünf ansteigt, sitzt man in den Reihen zwei bis vier wie in einem Loch und der Blick auf die Bühne ist ziemlich eingeschränkt, da man nur zwischen den Köpfen der Vorderreihen durchspickeln kann (eigentlich eine Unverschämtheit, diese Plätze in der Preiskategorie eins anzubieten). Und auch akustisch scheint das nicht die beste Region zu sein, denn obwohl das Orchester nur ein paar Meter entfernt ist, hört man es sehr abgedämpft. Insofern mag Ingo Metzmacher da gewaltigen Orchesterrausch aufgeboten haben, bei mir kam er nicht an. Und da die Bühne ziemlich tief und mit ebenem Fußboden angelegt war, konnte ich auch nicht so richtig sehen, was sich da auf der Bühne tat.


„Die Gezeichneten“ an der Bayerischen Staatsoper© Wilfried Hösl

Da ich die Inszenierungen von „Eugen Onegin“ und „Die Frau ohne Schatten“ des polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski sehr interessant fand, war ich natürlich neugierig auf seine Interpretation der „Gezeichneten“, ein Werk das mir durch die Aufführungen in Stuttgart und Köln schon geläufig war.

Bei den „Gezeichneten“ arbeitete Warlikowski mit zahlreichen Filmzitaten. Der Anfang war vielversprechend. Bei Eintritt der Zuschauer ist der Vorhang schon offen. Eine riesige Glaswand schließt die Bühne nach hinten ab. Darin spiegeln sich Zuschauerraum und eintretende Zuschauer. Festlich gekleidet wie die Zuschauer treten dann auch die Darsteller auf. Nur eine mit einem Sack verhüllte Gestalt passt nicht dazu und wird von Dienern umgekleidet. Es ist der mißgestaltete aber reiche Alviano, der hier mit einem Zitat aus dem Film „Elephant man“ eingeführt wird. Wie im Konferenzzimmer einer großen Firma sitzen die Freunde von Alviano geschäftig um einen Konferenztisch, als er ihnen eröffnet, daß er seine Insel Elysium der Stadt Genua vermachen möchte. Dies schreckt seine Freunde gehörig auf, denn diese nutzen eine Grotte auf der Insel, um entführte junge Frauen zu vergewaltigen. Die im Hintergrund sich senkende riesige blutrote Scheibe kann man als untergehende Sonne interpretieren. Diese aufsteigende und sich senkende Scheibe der Sonne strukturiert die Aufführung.

Im zweiten Akt sehen wir einen Boxclub. Boxchampion Adorno (eigentlich Herzog von Genua) trainiert hier mit zwei Boxstatisten. Überzogenes Machogehabe, auf eine Textstelle mit dem Stichwort „Kampf“ bezogen, mögen diese Assoziation überzeugend wirken lassen. In der Überleitung legt sich Carlotta auf ein Sofa und bekommt eine Gas-Behandlung, womit wohl ein Leiden Carlottas angedeutet werden soll.

Im Einheitsbühnenbild ging es weiter. Dass es beim Besuch Alvianos bei Carlotta darum geht, dass sie ein Porträt Alvianos malt, erfährt man allenfalls aus dem Text. Zur Illustration der Szene fährt weiter hinten ein großer Kasten herein, in dem verschiedene Figuren mit Mäuseköpfen stehen, und im Hintergrund eine Projektion sichtbar wird mit einem Zimmer mit Sofa und einer Familie mit Mäuseköpfen, die wohl die Familie Carlottas darstellen soll. Daraus soll man wohl irgendeine Traumatisierung des Mädchens erahnen.

Dann war man neugierig, wie die geheimnisvolle Insel aussieht. Diese bekommt man natürlich nicht zu sehen. Die Glaswand ist wieder herabgelassen. Rechts sitzt Alviano rauchend im Sessel und monologisiert – es sind wohl in die Ichform übertragene Zitate und Rezensionsschnipsel über Franz Schreker, mit dem die Bühnenfigur Alviano nun identifiziert wird. In ihrer Widersprüchlichkeit sind diese Zitate in kompakter Reihung durchaus amüsant. Von links kommen die Bürger Genuas – nun alle mit Mäuseköpfen (beim Pausengespräch erfuhr ich, daß sich das auf den Comic „Mouse“ beziehen soll (ich erinnere mich, daß ich diesen vor vielen Jahren bei einer Überfahrt nach England auf der Fähre gelesen habe – ich wäre aber nicht auf den Gedanken eines Bezugs zur Inszenierung gekommen). Dann fährt die Glaswand nach oben und man sieht die Bürger in Reih und Glied aufgestellt (das können natürlich nur Nazis sein).  Ein Ballett taucht auf, Damen und Herren in androgyner Einheitlichkeit mit Kopfschmuck, der an den Film „Metropolis“ erinnern soll. Entsprechend Metropolis-gewandet erscheint dann auch Carlotta. Dass sie mitten auf der Bühne steht und man sie rechterhand vergeblich sucht, ist eine Unstimmigkeit, mit deren Banalität sich heutige Regiekunst natürlich nicht abgibt. Mit Schwarzweißfilmen geht es weiter. Wieder fährt die Kinokiste herein und man sieht Ausschnitte aus „Golem“ und „Frankenstein“, was man eben mit mißgestalteten Wesen verbindet, jeweils Szenen mit Kindern, was mit dem Knaben auf der Bühne korrespondiert. Dann kommt auch noch „Nosferatu“, was mit der Verführung der jungen Frau durch das Ungeheuer (oder umgekehrt) zur Verführung Tamaro-Carlotta passen soll, die seit der Vollendung des Gemäldes nun doch kein Interesse mehr an Alviano hat, sondern sich Tamare hingibt, der schon verkündet hat, sie zu seiner Metze zu machen.

Gesanglich ist vor allem Tomasz Konieczny als herausragender Herzog Adorno und als Capitano zu nennen. Auch Christopher Maltman überzeugte als Vitelozzo Tamare. Überfordert schien John Daszak als Alviano. Genauso wenig überzeugte Catherine Naglestad als Carlotta.


Besuchte Vorstellung: 7. Juli 2017
(Premiere 2017)
Nationaltheater München

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