Buchbesprechung: Diana Feuerbach: Die Reise des Guy Nicholas Green
Diana Feuerbachs entführt auf eine fantastische Reise nach Odessa
Bei einem Roman, der in Odessa spielt, denkt man natürlich
sofort an die berühmte Treppe. Diese Treppe kommt aber im Roman erst relativ
spät vor. Dann marschiert eine Gruppe von Männern diese in den Hafen hinunter.
Dass die Autorin dieses Hinabschreiten auch noch mit einer militärischen
Formation vergleicht, lässt den Leser natürlich sofort an Sergei Eisensteins
Film »Panzerkreuzer Potemkin« denken – noch mehr die Stelle, an der einer
dieser Männer, weil angetrunken, ins Torkeln gerät und hinstürzend weitere
Personen mit sich reist – da wird die berühmte Filmszene sehr lebendig, in der
dann ein Kinderwagen die Treppe hinabrollt. Überhaupt geht es im Roman immer
wieder um Treppen. Die berühmte Treppe ist eher nur eine kleine Episode. Eine
viel wichtigere Rolle spielt die abgewetzte Treppe eines einst gutbürgerlichen
Hauses. Der Ich-Erzähler vergleicht sie mit den geheimen Treppen alter
Maja-Pyramiden.
Der Ich-Erzähler sorgt dann gleich für
die erste Überraschung. Man würde bei einer Autorin doch eigentlich eine
Ich-Erzählerin erwarten, jung und hübsch wie die Autorin selbst. Doch man
stutzt nach wenigen Zeilen, wenn da eine Eigenbeschreibung als Mitte vierzig
mit hängenden Tränensäcken erfolgt. Wenig später wird dann klar, dass es sich
um einen männlichen Ich-Erzähler handelt. Die Autoren des 19. Jahrhunderts hätten
sich die Mühe gemacht zu berichten, wie sie jemanden getroffen haben oder wie
autobiographische Papier in ihre Hände gelangt seien, die eine fremde
Ich-Erzählung rechtfertigen. Die Autorin wirft uns einfach in diese Biographie
hinein. Sie erschließt sich erst im Laufe des Romans. Ich, genauer Guy Nicholas
Green, ist also ein in Odessa gestrandetes Wesen, bisher in der
Entwicklungshilfe tätig und nun völlig mittellos auf dem Landweg in Richtung
Indien, wo er bei einem Guru ein ausgeglichenes Wesen lernen soll. In Odessa
landet er in einem Hostel, dessen Betreiber ihn großzügig aufnimmt, weil
endlich ein Backpacker auftaucht und dann auch noch einer aus Südafrika, was
ihn besonders fasziniert. Ansonsten hausen in diesem Hostel ältere Herren aus
allen möglichen Ländern, die auf der Suche nach einer passenden Ehefrau sind.
Passend aus Sicht dieser Herren meint natürlich Fotomodellqualitäten. Geld
haben sie genügend, menschliche Qualitäten weniger. Daheim scheinen sie
irgendwie nicht in der Lage zu sein, mit einer Frau anzubandeln. In Odessa
organisiert dies ein Heiratsinstitut. Natürlich wollen die Herren nicht die
gesetzten Damen des Katalogs, die gut kochen können, sondern eher jüngere
Damen. Auch davon gibt es genügend in Odessa. »Gazellen« nennt der Ich-Erzähler
anerkennend die jungen Damen, die auf hohen Stöckelschuhen durch die
Fußgängerzone flanieren (und ist gleichzeitig enttäuscht, dass sie ihn keines
Blickes würdigen). In diese illustre Gesellschaft gerät nun also der
Ich-Erzähler hinein, der schon äußerlich wenig dazu passt.
Diana Feuerbach führt dann einen
weiteren Reisenden ein, den jungen Jamie aus Südengland, der sich auf einer
Verkuppelungsseite im Internet in eine Frau verliebt und sich nun nach Odessa
aufgemacht hat, um diese Julia zu besuchen. Er bittet ausgerechnet Guy, ihm
dabei zu helfen. Dieser lässt sich dafür von ihm durchfüttern. Überhaupt
entwickelt Guy schnell ein geschicktes System, um mit Hilfe seiner neuen
Bekannten im teuren Odessa durchzukommen.
Auch wenn sich die vielen E-Mail-Antworten
Julias, als von der Dating-Seite erfunden herausstellen, um dem Verehrer Geld
aus der Tasche zu locken, findet man Julia tatsächlich. Das erste Date geht für
Jamie dann völlig daneben – aber es entwickelt sich daraus dann eine sehr
überraschende Geschichte, in der auch immer wieder Guy Nicholas Green mitwirkt,
der oft mehr über Julia weiß als ihr Verehrer. Sogar eine Art Showdown hat die
Autorin eingebaut, der dann für den Ich-Erzähler ein neues Kapitel seiner
Biographie einleitet. Dieser berichtet die ganze Geschichte auch rückblickend
aus einem Abstand von zehn Jahren.
Das liest sich sehr spannend. Die
Handlung überrascht immer wieder mit ziemlichen Kehrtwendungen. Odessa mit
seiner Fußgängerzone und den einstmals prachtvollen Straßenzügen aus dem 19.
Jahrhundert, seinen Stränden am Schwarzen Meer und seinen heruntergekommenen
Wohnblocksiedlungen aus kommunistischer Zeit liefert dazu die Kulisse. Sie ist
bevölkert mit betrügerischen Taxifahrern, furchteinflößenden
Straßenbahnschaffnerinnen (die Beschreibung der Straßenbahnfahrt ist ein
wunderbares Kabinettstückchen), gut aussehenden jungen Damen auf hohen Schuhen,
stämmigen Männern mit Glatze, die Herrenhandtaschen als besondere
Prestigeobjekte ansehen. Neben dieser Welt des schönen Scheins in teuren Clubs
und Cafés lernt der Leser auch die Welt der einfachen Leute kennen.
Die Ukraine hat die Autorin Diana
Feuerbach intensiv bereist. Nach Kurzgeschichten, Erzählungen und Gedichten ist
nun ihr erster Roman erschienen.

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