Dürrenmatts Schauspiel Der Besuch der alten Dame – Volksbühne im Kurtheater Bad Homburg – 2017

„Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell“ 

Volksbühne Bad Homburg zeigt Friedrich Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ im Kurtheater Bad Homburg 

Friedrich Dürrenmatts Theaterstück „Der Besuch der alten Dame“ ist immer noch ein erschreckend aktuelles Stück. Es bleibt wohl für viele, die einmal erniedrigt und verletzt worden sind, ein Traum, wie Claire Zachanassian als Milliardärin an den Ort des Geschehens zurückzukehren und sich an dem für ihr Unglück Verantwortlichen zu rächen. Doch die wirkliche Bandbreite der Rache und des Hasses wird einem erst im Laufe des Stückes wirklich bewusst, wie auch die Reaktionen der Stadtbewohner schockieren, die aus reiner Habsucht höchst unmoralisch reagieren. Es hat sich zum Uraufführungsjahr 1956 nicht viel getan in der Gesellschaft. Immer noch biegt man sich das eigene Tun, sei es auch noch so unmoralisch, so zurecht, daß man es nicht wegen des Geldes, sondern wegen der Gerechtigkeit tut.

"Besuch der alten Dame" im Kurtheater Bad Homburg – Ensemble
Foto: Matthias Woehl
Sylvia van Bertum gelingt an der Volksbühne Bad Homburg eine ansehnliche und mit hübschen Ideen gespickte Inszenierung des bitterbösen Schauspiels. Aber das kann man nicht ohne eine ausdrucksstarke Schauspielertruppe verwirklichen. Die hat sie aber zur Hand. Allen voran Ingrid Petry als Claire Zachanassian. Sie ist die Grand-Dame, die es für diese anspruchsvolle Rolle einfach braucht. Immerhin spielt sie gegen große Namen wie z.B. Elisabeth Flickenschild oder Therese Giehse an, die man mit dieser Rolle verbindet. Ebenso beeindruckend ihr Partner Rainer Kremin als Alfred Ill, der die Vielschichtigkeit seiner Rolle glaubhaft darzustellen versteht.

Der Lehrer wird von dem bekannten Nachrichtensprecher Martin Schlabs gespielt. Er ist immer voll in der Rolle, gestaltet nicht nur allein mit seiner beeindruckenden tiefen Stimme, sondern ist auch körperlich und gestisch immer voll im Geschehen. Sein Rollenportrait ist das überzeugendste des Abends. Sein Kollege Christoph Winkelmann ist als Bürgermeister eine Idealbesetzung, und er trumpft am Schluss bei der Bürgerversammlung noch einmal so richtig auf. Die Volksbühne Bad Homburg zeigt mit der Inszenierung aber vor allen eines: das großes Theater keiner großen Bühne bedarf, es braucht einfach nur Menschen, die mit viel Fleiß und Lust an der Sache, großartiges Schauspiel präsentieren möchten. Ein äußerst gelungener und nachdenklich machender Theaterabend. 

Matthias Woehl

besuchte Vorstellung 14. November 2017
(Premiere 11. November 2017)
Kurtheater Bad Homburg


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