Opernkritik: Paul Abrahams Operette „Ball im Savoy“ – Staatstheater Nürnberg – 2019

Im Separée mit Urwaldtapete 

– Stefan Huber inszeniert spritzige Abraham-Operette „Ball im Savoy“ am Staatstheater Nürnberg – 

von Klaus J. Loderer

Staatstheater Nürnberg, „Ball im Savoy“:
 Christoph Marti (Daisy Parker) 
und Andreja Schneider (Mustapha Bei)
Fotografin: Bettina Stöß
Der Muselman von Welt trägt den Gebetsteppich als Einstecktuch im Sakko. Das kann man von Mustapha Bei lernen, zumindest bei der Nürnberger Ausgabe dieses türkischen Diplomaten, einer Figur in Paul Abrahams Operette „Ball im Savoy“. Darin spielt dieser Herr eine gewichtige Rolle als Erfinder von Ausreden dafür, wie man zum Ball im Savoy kommt, ohne dass die Ehefrau mitkommt. Doch ist dieser elegante Herr in rotem Samtsmoking mit Fes, der ein türkisch-deutsches Kauderwelsch daherbrabbelt und die Formulierung „große Sache, ganz große Sache“ liebt, in Wirklichkeit eine Frau. Auf der Bühne stehen in dieser spritzigen Inszenierung von Stefan Huber nämlich die Geschwister Pfister. Und bei diesem munteren Trio ist die Geschlechterverteilung nicht unbedingt vorgegeben. Als Scheindickerchen Mustapha Bei stapft und tänzelt Andreja Schneider über die Bühne, dringend herbeigerufen von ihrem Geschwister-Pfister-Bruder Tobias Bonn als Marquis Aristide de Faublas, der ein Problem hat. Er erhielt ein Telegramm seiner Verflossenen, die ihn für den Abend zu einem Souper bestellt. Das kann sie, weil sie als Beziehungslösungsgeschenk statt eines Geldschecks einen Warenscheck genommen hat, eben für ein Souper – und nun einzulösen auf dem Ball im Savoy. Mustapha hat die Idee, dass man ein Treffen mit dem berühmten Jazzkomponisten José Pasadoble vorschieben könnte, von dem niemand weiß, wie er aussieht. Allerdings steckt hinter dem Pseudonym des Komponisten die dummerweise anwesende Cousine von Aristides Ehefrau. Als Cousine Daisy Parker hat Christoph Marti alias Ursli Pfister seinen großen Auftritt. Aus dem Orchestergraben schwebt er/sie frisch dem Flugzeug entstiegen empor (da könnte sich manche Frau abschauen, wie man mit Pumps geht), begleitet von einem Kofferträgertänzerensemble, mit dem er/sie sofort einen flotten Känguru-Fox auf’s Parkett legt. Das ist schon mal eine tolle Show-Nummer. Danny Costello hat sich für das Herrenensemble noch weitere effektvolle Choreographien ausgedacht. Da Mustapha sofort auf die Idee kommt, Daisy könnte Ehefrau Nummer sieben werden, hat sich hier das Buffo-Paar gefunden. Als solches wirbeln Christoph Marti und Anreja Schneider in köstlicher Geschlechterverkehrung über die Bühne. Und sie bummeln natürlich auch, schließlich ist das eine ihrer berühmten Nummern.

Staatstheater Nürnberg, „Ball im Savoy“: Christoph Marti (Daisy Parker) und Ensemble (v.li.n.re.)
Fotografin: Bettina Stöß
Das Problem bei Aristide ist, dass es dummerweise eine Ehefrau gibt, Madeileine, dargestellt von Frederike Haas, einer bekannten Musicalsängerin und Schauspielerin, die man für diese Rolle ans Haus geholt hat. Ihrem Schlagertonfall nimmt man die Dreißigerjahresoubrette gut ab. Die Operette setzt ein mit der Rückkehr von der einjährigen Hochzeitsreise. Freunde haben sich in der Villa in Nizza versammelt und schauen Bilder der Reise an. Die bekommen sie in Schwarz-weiß vorgeführt, wie es sich für die Zeit gehört. Die Szene vor der Rialtobrücke wird sogar als Tonfilm lebendig (ein netter Einfall). Das passt zur Inszenierung, die genau in der Entstehungszeit Anfang der Dreißiger Jahre spielt. Dazu hat Heike Seidler schöne und stimmige Kostüme entworfen. Diesen eleganten und gut geschneiderten Kostümen nimmt man auch die bessere Gesellschaft ab, sowohl in der Tagesausstattung wie in der Ballgarderobe. So begrüßt der Chor des Staatstheaters als mondäner Freundeskreis Aristide und Madeleine, die schon bald dem mit Palmen bewaldeten Orchestergraben entsteigen.

Staatstheater Nürnberg, „Ball im Savoy“: Alexander Alves de Paula (Maurice), Hans Kittelmann (Pomerol), Tobias Link (René), Tobias Bonn (Aristide) und Frederike Haas (Madeleine)
Fotografin: Bettina Stöß
Wenn aber im Orchestergraben Palmen wachsen und eine breite Freitreppe daraus zur Bühne hinaufführt, wo spielt dann das Orchester. Das bleibt erst einmal verborgen. Die Musik kommt aus dem Lautsprecher, was musikalisch nicht so ganz befriedigt, wie auch die Sänger elektronisch verstärkt werden, die sonst wohl etwas überfordert wären. Dass das keine Opernstimmen sind, muss man eben hinnehmen. Das Haus auch ohne Verstärkung füllen könnte die Sopranistin Andromahi Raptis, die sich als flammend-termperamentvolle und laszive Tangolita mit einem Schwarm argentinischer Tangotänzer vorstellt. Ebenfalls aus dem Opernensemble kommt Hans Kittelmann, der seine Doppelrolle als Butler mit trockener Eleganz und als Oberkellner Pomerol mit käuflicher Unterwürfigkeit erfüllt.

Erst am Ende der Ballszene weitet sich der Raum zum Ballsaal, eine Bühne auf der Bühne öffnet sich, und dort sitzt das Orchester. Volker Hiemeyer hat ein flottes Tempo drauf mit der Staatsphilharmonie Nürnberg. Kai Tietje hat das Stück auf der Basis der bühnenpraktischen Rekonstruktion von Matthias Grimminger und Henning Hagedorn arrangiert. Die Streicher kommen in Nürnberg mehr zur Geltung als bei den anderen Aufführungen dieser Operette in letzter Zeit. Das klingt feiner. Doch dem Orchester stiehlt Daisy die Show, die nun als José Pasadoble im weißen Frack mit Zylinder ihren großen Auftritt hat. In die Welt übertragen von allen Radiostationen. Für diese in der Operette vorkommende Radioübertragung hat man sich einen kleinen Gag ausgedacht. Die Sender werden mit einem musikalischen Motiv charakterisiert. Zuletzt kommt der Sender Nürnberg und dazu erschallen ein paar Takte aus Wagners Meistersingern. Das Publikum kichert ebenso wie bei der sechsten Ehefrau Mustaphas, die hier eine Nürnbergerin ist. Immer wieder gibt es solche kleinen Aktualisierungen des Textes.

Staatstheater Nürnberg, „Ball im Savoy“: Andromahi Raptis (La Tangolita) und das Tanzensemble
Fotografin: Bettina Stöß
Für die Bühne haben Timo Dentler und Okarina Peter ein System aus vier fahrbaren „Türmen“ entwickelt, die, auf drei Seiten geschlossen, ganz unterschiedliche Raumkonstellationen ermöglichen. Damit ist die schnelle Verwandlung möglich zwischen dem ersten und dem direkt angehängten zweiten Akt und man kann den Ballsaal auch schnell wieder zurückverwandeln in die Villa. Dreht man diese „Türme“, findet man ein Innenleben mit einer üppigen Urwaldtapete. Da haben die Theatermaler gute Arbeit geleistet. Von dieser Seite dient einer der „Türme“ als Bar, an der sich die schöne Unbekannte im Goldkleid einen Spezialdrink mixen lässt, feixend beobachtet von den Herren, darunter Aristide, der gleich bemerkt, dass die schöne Unbekannte Ähnlichkeit mit Madeleine hat. Es ist natürlich Madeleine mit Maske. Das Goldkleid hat ihr am Ende der ersten Szene Madame Albert angemessen. Gespielt wird diese vom Schauspieler Cem Lukas Yeginer, der beim Ball von Madeleine als Rechtsanwaltsgehilfe auf Abenteuersuche in ein Separée verschleppt wird, weil sie sich dafür rächen will, dass ihr Mann im Nachbarseparée mit Tangolita speist. Die beiden Separées mit Urwaldtapete sind natürlich ebenfalls in den „Türmen“. Die flexible Anordnungsmöglichkeit dieser „Türme“ ermöglicht im durch die Pause halbierten zweiten Akt die Andeutung einer Vielzahl unterschiedlicher Räume, als würde man durch die Gesellschaftsräume eines alten Grandhotels gehen. Immer wieder entstehen neue Perspektiven und Raumkonstellationen, die mit dem interessanten Lichtkonzept von Kai Luczak auch noch in unterschiedlich farbiges Licht getaucht sind.

Nach der Versöhnung des Ehepaars und der Verlobung Mustapha und Daisy öffnet sich der Raum wieder nach hinten für das große Finale. „Große Show, ganz große Show“ würde Mustapha Bei über diese Produktion sagen. Kurzweilig, gut gesungen und optisch schön könnte man noch ergänzen. Regisseur Stefan Huber setzte erfolgreich auf Komödie und vertraute dieser ausgeflippten Operette und enthielt sich glücklicherweise der Versuchung, Zeitproblematik einzubauen.

Besuchte Vorstellung: 23. Januar 2019
(Vorstellung nach der Premiere am 19. Januar 2019)
Opernhaus Nürnberg






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